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Code-Kit. Tiblis/Georgien.

-- 100 Dinge aus 1000 Jahren --

Die Programmierungs- und Datengeräte von Zaza Wachtang, ihr Code-Kit.

Alles was man braucht, um ohne Netze (Energie/Daten/Compute) elektronische Geräte zu programmieren.

Zaza Wachtang war vor dem Crash Systemintegratorin für individualisierte Consumer-Elektronik (Appliances). Sie entwarf Geräte für die gewünschten Anordnungen und mit den geforderten Leistungsmerkmalen. Sie stellte Komponenten zusammen und programmierte, bzw. konfigurierte die Systeme. Ob SmartHome oder Quadcopter, Pedelec-Sharing oder ThermoMax, alle Geräte enthalten Elektronik. Sie haben Spracherkennung und Gestensteuerung, Sensoren und Datenverarbeitung, Cloud-Anschluss und Stromversorgung, in immer wieder neuen Anordnungen und Konfigurationen. Zaza Wachtang war spezialisiert auf Outdoor- und Offgrid. Sie baute Systeme zusammen, die auch ohne allgegenwärtige Daten- und Compute-Netze funktionierten.

Dann kam der Crash.

Alle Netze fielen aus.

Nicht nur Strom, Wasser und mobiles Netz. Auch Rechenleistung war nicht mehr verfügbar, denn Compute-Leistung kam aus der Cloud. Alle Daten waren weg, weil sie online gespeichert waren. Geräte mit Sprachsteuerung waren nicht bedienbar. Und selbst wenn man auf lokale Gestensteuerung umschaltete, fehlte der situationsbewusste Wissensnavigator, der sich selbständig durch das Wissen der Welt wühlen konnte, um Information zu beschaffen.

Irgendwann wurde klar, dass die Krise länger dauern würde. Ein Jahr nach dem Crash gab es immer noch keine Netze. Normale Alltagsgeräte waren nicht benutzbar. Oft nicht einmal mit einer improvisierten Stromversorgung, denn fast alle verließen sich auf Netzwerke und Online-Dienste. Manche Kühlschränke kühlten nicht, weil sie Cloud-Komponenten zur Steuerung benutzten oder einfach nur deswegen, weil sie beim Hochfahren den Hersteller kontaktierten, um die Lizenz zu erneuern (Stichwort: Kitchen on Demand). Moderne Fahrräder bremsten nicht, weil seit dem Drive-by-wireless Trend der 60-er Jahre in der Bike-Branche keine Seilzüge mehr verbaut wurden. Pay-as-you-go Miet-Bikes gingen sowieso nicht ohne ihre Server.

Aber Wachtang hatte die Erfahrung und die Ausrüstung, um IT auch lokal zu betreiben, ohne Online-Netze. Sie konnte Geräte reparieren. Manche musste sie umprogrammieren. Bei anderen konnte sie ein Netz und die Server simulieren. Zaza Wachtang brachte die Sachen wieder in Gang. Das sprach sich herum.

Ein Jahr nach dem Crash betrieb sie das IT-Zentrum ROBOit. Sie reparierte mit ihrem Team nicht nur Geräte, sondern sie bewahrte auch IT-Hardware, Hardware-Designs, Software und Quellcodes. Durch den Erhalt der ROBOit Wissensbasis und die Konzentration von Infrastruktur um ROBOit trug sie wesentlich zur Überwindung der Krise in der Kaukasusregion bei.

Mit dieser Ausrüstung arbeitete Zaza:

- DIN A4 ePaper Display, fixiert zwischen einer transparenten Folie und einer Scheibe stabilen Kunststoffs. Das ePaper ist eigentlich falt- und rollbar. Aber da es keine Ersatzteile oder Ersatzgeräte mehr gibt, ist jedes funktionierende Gerät sehr wertvoll. Man versucht deshalb den Verschleiß zu minimieren. Das bedeutet in diesem Fall, das Paper nicht zu knicken. Wachtang verzichtet auch auf Multitouch, um das Papier zu schonen. Stattdessen ist am Rand des Papiers ein Gestenscanner montiert.

- Mehrere Multifunktions-Hubs (eKabel & drahtlos): kleine Boxen, die Verbindungen zwischen allen möglichen elektronischen Geräten herstellen. Ein Hub verbindet Display, Storage, Compute, Grok, Netz und Eingabegeräte. Er kann drahtlos kommunizieren. Das war vor dem Crash die Standardbetriebsart. Aber seit es keine allgegenwärtige Stromversorgung mehr gibt, ist der Kabelbetrieb praktischer, denn die Netzwerkfäden leiten nicht nur Daten, sondern auch Strom.

- Eine Speicherbank mit dem gesamten öffentlichen Wissen der Menschheit vor dem Crash und genügend freiem Platz. Ein Überbleibsel eines ihrer früheren Offgrid-Projekte. Die Daten sind jetzt Gold wert, denn darunter sind auch Bedienungsanleitungen, Schaltpläne und Software, die man zum Reparieren braucht.

- Ein Rechenwürfel für klassische Zahlen- und Datenverarbeitung mit 2.000 k x 10 TOps Leistung. Im Consumer-Bereich ist lokale Rechenleistung eher ungewöhnlich. Der Würfel stammt aus einem wissenschaftlichen Institut. Er hat ein 8x8 Netzfaden-Array für schnelle lokale Speicher.

- Ein professioneller Grokker: neuronale Netzwerk Hardware für verständnisorientierte Aufgaben, wie Spracherkennung, Daten-Segmentierung, Problem-Klassifizierung und automatische Modellierung. Eine Rarität aus dem Rechenzentrum eines Cloud-Service Anbieters aus Baku.

- Eine handelsübliche Hardware-Firewall, die man Fremdgeräten vorschaltet. Sie enthält spezialisierte Compute- und Grok-Elemente, die Simulationen, heuristische und inferenzielle Analysen machen, um aggressiven Traffic wegzufiltern. Das ist unbedingt nötig, da alle Geräte mit Web-Leben besiedelt sind. Immunsystem hin oder her. Das will man nicht auf den eigenen Geräten haben. Meistens sind diese virtuellen Lebensformen allerdings harmlos.

- Powerbank plus Ladekurbel, ein alter aber robuster Nanotube-Kondensator Akku mit genügend Power, um alle Komponenten für 14 Tage zu versorgen, bei einem typischen Consumer-Betrieb (einem Mix aus Netz-Recherche, Media-Benutzung, Game-Simulation, Sprach/Text-Erkennung). Die Rechenbank braucht eine eigene Stromversorgung, wenn sie über 0,1% ihrer Nominalleistung läuft, also wenn dauerhaft mehr als 2.000 der multi-TOps-Kerne aktiv sind.

- Eine 50 Jahre alte mechanische Einhandtastatur als Backup für den Gestenscanner. Die Tastatur hat einen modernen Adapter mit Netzfaden-Schnittstelle.

- Etwa 100 Netzfäden verschiedener Länge, von 10 cm bis 10 Meter.

- Ein improvisierter Netzfaden-Splicer ohne integrierten 3D-Drucker. Das Gerät verbindet wiederbenutzte Stecker mit Fäden, statt selbst neue Stecker direkt auf den Faden zu drucken.

- Einige 10 TB-Sticks, der damalige Standard bei Wechselspeichern. Die Sticks sind kleine Röhrchen, zwei Zentimeter lang und zwei Millimeter dick. Gerade so groß, dass man sie noch gut handhaben kann. Sie haben den gleichen Stecker, wie die Netzfäden. Die Sticks sind eigentlich Netzwerk-Speicher (NAS: Network Attached Storage), die in den Stecker integriert sind.

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Baum des Lebens. Shackleton-Krater/Mond.

-- 100 Dinge aus 1000 Jahren --

Ein Bonsai in einem transparenten Kunststoffbehälter von der Yue Liang Gong Mondbasis.

Die älteste und gleichzeitig letzte überlebende Pflanze der Station.

Die Pflanze war das Maskottchen der Hydroponik-Abteilung. Sie kam als Setzling im Privatgepäck eines Taikonauten zur Mond-Station. Einige Jahre wurde sie ohne Wissen der Missionsleitung gepflegt. Die Mitarbeiter der Hydroponik zweigten Düngemittel und Mineralien vom Betrieb der Nutzpflanzen ab und im Lauf der Zeit gewannen sie etwas Muttererde aus kompostieren Pflanzenresten. Der Bonsai wurde immer stark beschnitten, um neben den Nutzpflanzen nicht aufzufallen. Aber im Jahr 2055 musste er aus dem Hydroponikgefäß in einen größeren Behälter umgesiedelt werden. Dafür druckte die Stationsbesatzung einen Blumentopf aus transparentem Plastik. Dieser Vorgang fiel der Missionsleitung auf. Bei der darauffolgenden Untersuchung wurde der Bonsai entdeckt.

Abläufe, Experimente und Ressourcenverbrauch waren damals, in der Frühzeit der Raumfahrt, sehr genau geregelt. Der Bonsai war aus Sicht der Missionsleitung ein irreguläres Experiment der Besatzung in Eigenregie. Die dafür aufgewendeten Ressourcen fehlten in der Gesamtplanung und darüber hinaus konnte die Missionsleitung solche unautorisierten Vorgänge grundsätzlich nicht dulden. Sie forderte die Rückführung des Biomaterials in den Stationskreislauf. Der damit beauftragte Hydroponik-Mitarbeiter widersetzte sich dem Befehl. Statt die Pflanze zu kompostieren, versteckte er sie hinter einer Konsolenverkleidung. Mit einer improvisierten Lampe und geringer Wasserzufuhr verging ein weiters Jahr. Dann wurde die Pflanze wieder entdeckt.

Um der nun erneut drohenden Kompostierung zuvorzukommen, reichte die Stationsbesatzung einstimmig eine Petition ein, um "Fusang", den Baum des Lebens, zu retten. Der Text war ironisch und kurzweilig formuliert. Der Stil unterschied sich so sehr von den üblichen rationalen und knappen Missionsprotokollen, dass einige Mitarbeiter der Bodenstation ihn für eine besonders kreativ gestaltete Testnachricht hielten und nicht daran dachten, dass er unter die übliche Geheimhaltung fallen würde. Irgendwie gelangte die Petition in das öffentliche Netz, wo sie von einigen Leuten ernst genommen wurde. Der Text ging viral. Innerhalb weniger Tage entstand eine "rettet Fusang"-Bewegung in den sozialen Medien. Die psychologische Abteilung der Missionsleitung, setze sich schließlich dafür ein, den Bonsai offiziell als Experiment anzuerkennen und ihn damit vor der Kompostierung zu bewahren.

Zehn Jahre später ist die Yue Liang Gong Basis deutlich gewachsen. Sie hat eine ständige Besatzung von 20 Personen und bereitet eine weitere Verdopplung der Kapazität vor. Nuklear angetriebene Plasmatraktoren des chinesischen Raumfahrtprogramms pendeln zwischen Erd- und Mondorbit. Jeder bringt hunderte Tonnen Material zum Mond.

Dann bricht die Wirtschaft Anfang der 70er Jahre zusammen. Die Mittel für das ambitionierte Raumfahrtprogramm fehlen. Die Transporte zum Mond werden ausgesetzt. Zehn der 24 Taikonauten verlassen die Yue Liang Gong Station 2071 turnusgemäß. Es gibt kein Ersatzpersonal. Die Aufenthaltszeiten werden gestreckt, um die schwere Zeit zu überbrücken. Aber die Lage auf der Erde wird immer schlimmer. Im folgenden Jahr kehren weitere acht Taikonauten mit den Rettungskapseln der Station zum Erdorbit zurück. Weil der Frachtverkehr von der Erde zum Erliegen gekommen ist, fehlt die Transportkapazität, um die übrigen sechs zu evakuieren. Sie richten sich darauf ein, für lange Zeit auf der Station zu bleiben. Dabei profitieren sie von der stark erweiterten Lebenserhaltung und dem großen Lager, das eigentlich für 40 Personen vorgesehen waren. Die Hydroponik produziert zusätzlich Nahrungsmittel für zwanzig Personen. Überschüsse werden gefriergetrocknet und eingelagert. Das ist auf dem Mond einfach, bei Vakuum und -150 Grad Celsius im Schatten.

Die Versorgungslage ist gut. Aber die Wartung der Station ist ein Problem. Die Station ist zu groß für sechs Personen. Von den 40 vorgesehenen Taikonauten beim Vollausbau waren 25 für Betrieb und Lebenserhaltung vorgesehen. Die Technik der Mondstation ist komplex. Im Prinzip ist sie eine Raumstation wie die alte ISS. Sie liegt zwar auf der Mondoberfläche, aber die Technik ist die gleiche.

Ohne den wissenschaftlichen Betrieb braucht man nur die Hälfte des Technikpersonals, etwa 12 Personen mit verschiedenen Spezialisierungen. Im Notfall reichen auch acht Techniker, wenn die richtigen Fähigkeiten dabei sind. Aber von den verbliebenen sechs sind nur vier aus dem Technikbereich. Nach einem Unfall bei einem Außeneinsatz 2078 sind sogar nur noch drei einsatzbereit. Das ist nicht genug. Nicht alle technischen Probleme können behoben werden. Im Lauf der Zeit gibt es immer mehr Ausfälle, die nicht repariert werden können. Und das Material altert. Es wird nicht wie geplant durch neuere Ausrüstung ersetzt. Besonders der Mondstaub macht Probleme. Reinigung von Geräten und Raumanzügen braucht viel Personal und Ressourcen. Das ist jetzt nicht mehr verfügbar. So wird jeder Außeneinsatz zum Risiko. Immer mehr Module werden undicht. Manche durch Mikrometeoriten, andere durch den allgegenwärtigen Mondstaub, der sich in Lager und Dichtungen setzt. Die Module müssen abgetrennt und versiegelt werden. Die Station fragmentiert. Es gibt Technikbereiche, die nur per Außeneinsatz erreichbar sind. Ein zusätzliches Hindernis für Wartungsarbeiten.

Und dann kommt es 2088 zum Reaktorschaden. Beim Zyklotron-Wandler des Fusionsreaktors fällt die Kühlung aus. Sie war schon seit Jahren nicht mehr überprüft worden. Die supraleitende Spule quencht, d.h. sie verliert die Supraleitfähigkeit und der Reststrom schmilzt die Spule. Der Reaktor schaltet automatisch ab. Vorher treffen noch schnelle Alphateilchen auf die umliegenden Geräte und die Wände. Der Bereich ist leicht radioaktiv. Kein Vergleich mit den Strahlungsniveaus von Spaltreaktoren. Aber mit den Mitteln der Station und dem verfügbaren Know-how ist der Schaden nicht zu reparieren. Strom kommt danach nur noch aus den alten Solarkollektoren.

Viele Anlagen, Stationsmodule und die Hydroponik mit ihrer Nahrungsmittelproduktion müssen stillgelegt werden. Der Bonsai "Fusang", der kleine Baum des Lebens, wird in das einzige noch aktive Wohnmodul umgezogen. Auch die Solarmodule bringen nur noch einen Bruchteil ihrer Nennleistung. Im Jahr 2090 wird die Situation unhaltbar. Die Lebensmittelvorräte gehen zur Neige, der Sauerstoff wird knapp, Außeneinsätze sind nicht mehr möglich. Die Station sendet Notrufe. Aber die sechs Taikonauten sind die letzten Menschen auf dem Mond. Es ist keine Hilfe zu erwarten.

Der Notruf wird auch im Erdorbit empfangen. Dort harren noch Menschen aus. Seit 20 Jahren überleben sie im sogenannten "Dher" (Müllhaufen). Module verschiedener Nationen, die nach dem Crash von der Erde abgeschnitten waren, haben sich bei der indischen Raumstation zusammengefunden. Zumindest soweit ihre Orbitalparameter eine Anpassung der Orbits zuließen. Der Dher organisiert eine Rettungsaktion. Eine improvisierte Rettungskapsel erreicht 2091 die Yue Liang Gong Mondbasis. Drei der letzten vier Taikonauten können gerettet werden. Sie erreichen nach einer dramatischen Reise den Dher im Erdorbit.

Achtzehn Jahre später betreten die ersten Taikonauten des neuen Raumfahrtprogramms der Zhu-Republik die Yue Liang Gong Basis. Im Eingang zum Wohnmodul finden sie Fusang. Der Bonsai steht mit seinem Plastiktopf mitten in der offenen Personenschleuse, schockgefroren und konserviert für die Ewigkeit.

Im Jahr 2115 wird die neue Zhu-Mondbasis in der Nähe der alten Yue Liang Gong Station eingerichtet. Anfangs ist sie nur klein, besetzt mit fünf Taikonauten und Fusang, der vorsichtig aufgetaut und wiederbelebt wird.

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