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2187

Erste Deportationen von Strafgefangenen auf den Mond.

Gefangene stellen jedoch bei weitem nicht den größten Bevölkerungsanteil. Kommerzielle Interessen bringen viel mehr Menschen zum Mond, zu L4/5 Kolonien und zu den Asteroiden.

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Auf dem Mond wird im Krater Kopernikus eine uralte, nicht von Menschen erbaute Station entdeckt.

Die Station ist mindestens 30 Millionen Jahre alt. Ihre Herkunft ist unbekannt. Die Neosozialisten im Weltrat verhindern, dass die Station untersucht wird. Die Station wird unter Quarantäne gestellt und später zerstört.

Eine Wartungseinheit entdeckt die Mondstation auf einer Routinestreife. Die Station ist von der Erde aus nicht sichtbar in die Wand des Kraters Kopernikus eingelassen. Die zwei Techniker der Wartungseinheit fotografieren nur kurz den Eingang und melden die Entdeckung in ihrem Routinebericht. Weder sie noch ihre übergeordnete Stelle erkennen die Tragweite der Entdeckung. Alle Beteiligten nehmen an, dass die Station ein Relikt einer geheimen Mondoperation irgendeiner irdischen Macht im frühen 22. Jahrhundert sei. Die Information wird als Kuriosität abgelegt und für eine spätere Untersuchung vorgemerkt. Erst bei einem Review des Berichtsjahres durch einen Praktikanten sechs Monate später, fallen Ungereimtheiten auf. Es dauert weitere sechs Wochen bis eine kurze Überprüfung finanziert und eingeplant werden kann, die dann den fremden Ursprung bestätigt. Eine darauffolgende weitere Expedition mit acht Teilnehmern macht rund 10.000 Bilder, 150 Stunden Filmaufnahmen, seismische und radiologische Untersuchungen. Die Daten dieser Expedition werden von der Raumpatrouille beschlagnahmt, bevor sie in das Netz gelangen und vermutlich später gelöscht.

Eine Nachrichtensperre unterdrückt die Entdeckung weitgehend. Der Weltrat beschließt in nicht öffentlicher Sitzung, dass die Station nicht angetastet werden darf. Die offizielle Erklärung ist, dass eine gründliche Untersuchung erst nach behutsamer Vorbereitung der Bevölkerung vorgenommen werden kann, um die angespannte politische Situation zwischen Neosozialisten und Expansionisten nicht weiter zu belasten. Darüber hinaus befürchtet man, dass eine übereilte Untersuchung unwiederbringliche Werte zerstören könne, während "die Station ja nicht davon liefe".

In den folgenden 30 Jahren gibt es mehrere Versuche im Weltrat, wie auch von Einzelnen, die Mondstation zu untersuchen, bzw. zugänglich zu machen. Die parlamentarischen Versuche stehen aus verschiedenen Gründen unter einem unglücklichen Stern. Teilweise werden Diskussionsanträge aus persönlichen Gründen zurückgezogen, teilweise aus ungünstigen Mehrheitsverhältnissen heraus nicht zugelassen. Der gesamte Komplex ist ab 2192 als geheim eingestuft, und der fragliche Abschnitt des Kraterrands wird 2195 zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Die Raumpatrouille verhindert drei Versuche in das Sperrgebiet einzudringen; einen davon 2219 mit Waffengewalt und tödlichen Folgen für die Passagiere des eingedrungenen Shuttles.

Im Jahr 2228 gehen Bilder der Anlage durch die Presse, die offensichtlich von der ersten Überprüfungsmission stammen. Die Berichte erregen großes Aufsehen und bringen eine Gesetzesinitiative in Gang, die obwohl von 2230 bis 2232 auf Eis gelegt, sogar als politisches Ziel in den Koalitionsvertrag 2236 aufgenommen wird. Leider wird die Anlage noch im gleichen Jahr durch eine nukleare Explosion vollständig zerstört. Der Anschlag wird neosozialistischen Splittergruppen zugeschrieben, kann aber nie aufgeklärt werden. Die Explosion löscht die Station vollständig aus. Es werden keine bedeutenden Trümmer gefunden. Das gesamte Stationsmaterial ist in Bruchstücke unter 50 Mikrometer zerborsten. Dieser Umstand und die bei der Explosion freigesetzte spektrale Energieverteilung lassen vermuten, dass die verwendete Nuklearwaffe irdischer Herkunft einen stationseigenen Mechanismus auslöste, der alle Spuren beseitigte. Untersuchungen der Reste liefern keine neuen Erkenntnisse. Die Station war offensichtlich aus Mondmaterial gebaut worden und beherbergte ca. 1500 Tonnen Geräte aus verschiedenen Leichtmetallen, Keramikverbundstoffen und wenigen Metallkomponenten.

Ein Infoblock wird nach Ablauf von 50 Jahren freigegeben. Dabei sind die Aufnahmen der ersten Überprüfungsmission und Hintergrundinformationen der Raumpatrouille, die das von ihr überwachte Objekt anscheinend entgegen den Anweisungen gut dokumentierte. Die Daten der einzigen richtigen Untersuchungsexpedition sind nicht erhalten. Aus den verfügbaren Informationen und Resten können keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden. Die Bilder zeigten typische Anlagen einer Forschungsstation, geschaffen für einen atmosphärenlosen Mond. Die Anlagen machen einen sehr fortgeschrittenen Eindruck und konnten nur zum Teil identifiziert werden. Es sind weder Detailaufnahmen, Tiefenscans, noch heute übliche Technologieanalysen erhalten. Theoretische Grundlagen und formale Vorgehensweisen der minimalinvasiven Fremdtechnologie-Reaktionsdiagnostik werden erst während des ersten Aufbruchs ab 2540, also 350 Jahre später, entwickelt.

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100.000 Menschen leben im Orbit, auf dem Mond und im interplanetaren Raum.

Viele arbeiten für die Rohstoffgewinnung, auf dem Mond und bei erdnahen Asteroiden. Die Arbeit ist sehr gefährlich. Nicht alle kommen zurück.

Eigentlich schützt die Technik gegen die tödliche Strahlung außerhalb des Erdmagnetfelds. Die Lebenserhaltung ist viel kompakter und zuverlässiger als 200 Jahre zuvor bei den ersten "Weltraumspaziergängen". Und die Raumanzüge sind durch neue Materialien viel sicherer gegen Beschädigungen. Aber beim Asteroidenbergbau kommen so viele Risikofaktoren zusammen, dass trotzdem Unfälle passieren. Mit dem entsprechenden Aufwand könnte man viele Risiken verringern. Das würde sehr große Kosten verursachen. Unternehmen, die dies versuchen sind nicht wettbewerbsfähig.

Schon immer war bemannte Raumfahrt eine Abwägung zwischen Sicherheit und Kosten. Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Aber mit technischem und personellem Aufwand kann man das Risiko reduzieren. Das ist teuer, je nachdem welchen Aufwand man treibt und welches Ausfallrisiko man in Kauf nehmen will oder kann.

In der Frühzeit der Raumfahrt, als die Medien aufmerksam alle bemannten Missionen verfolgten, versuchte man das Risiko für tödliche Unfälle auf 1% zu beschränken. Das heißt, man rechnete mit einem toten Astronauten bei 100 Einsätzen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts musste man dafür etwa 500 Millionen Dollar für jede(n) Astronaut(en/in) investieren. So viel ist 200 Jahre später nicht mehr nötig. Bei 100.000 Personen im Vakuum wäre das auch nicht möglich.

Aber trotz wesentlich besserer Technik und trotz Skaleneffekten, die alles billiger machen, sind Einsätze im Vakuum immer noch teuer, wenn man gewisse Sicherheitsstandards einhalten will. Sicherheit und Kosten werden immer noch gegeneinander abgewogen. 200 Jahren nach den ersten unbeholfenen Schritten im Orbit sind die Einsätze zwar sicherer geworden, aber ein Job bei der orbitalen Ressourcenextraktion ist trotzdem um Größenordnungen riskanter als andere Berufe.

Zu vertretbaren Kosten kann man Ende des 22. Jahrhunderts ein Einsatzrisiko von 0,1% realisieren (wenn man den Begriff "Einsatz" so definiert, wie 200 Jahre zuvor, als mehrwöchigen Aufenthalt im Orbit mit einigen Außenarbeiten). Das ist nominal 10 Mal besser als in der Frühzeit der Raumfahrt. Aber in der Praxis sieht das nicht so gut aus, denn das Berufsbild hat sich geändert. Die ersten Astronauten kamen im Durchschnitt auf drei Missionen. Dabei bauten sie ein Gesamtrisiko von 3% auf. Das war vertretbar für den Traum als Astronaut ins Weltall zu reisen.

Moderne Vakuumarbeiter zählen eher 10 solcher Einsätze pro Jahr. Die Missionen sind viel zahlreicher, oft mit täglichen Außeneinsätzen. Die Einsätze sind weniger genau geplant und sie müssen viel mehr Arbeitsleistung erbringen. Dafür entfällt der riskante Aufstieg auf einer langsam abbrennenden 1000-Tonnen Bombe und die nicht weniger riskante kometenhafte Landung auf der Erde. Die Vakuumarbeiter bleiben jahrelang oben. Viele leben sogar jahrelang in den Asteroiden. Im Lauf der Jahre erreicht ihr Gesamtrisiko 10% oder sogar 20%, bei manchen auch 30%, je nachdem, wie gut und teuer sie ausgerüstet sind, wie gut (und teuer) ihre Ausbildung ist und wie gut ihre Arbeitsmoral ist.

Während die Raumfahrtorganisationen von irdischen Regierungen und das Militär im nahen Erdorbit die Standards einigermaßen hoch halten, ist die Lage im kommerziellen Asteroidenbergbau problematisch bis prekär. Dort wird abgewogen zwischen Sicherheitskosten und Ersatzkosten, also letztlich zwischen den Kosten, um Arbeitskräfte am Leben zu halten, damit sie ihre Arbeit machen können, und den Kosten, neue ausgebildete Arbeiter aus dem Gravitationsloch der Erde heranzuschaffen. Das Leben der Arbeiter selbst spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Unter den 100.000 Personen im Vakuum sind Touristen, Militärangehörige und orbitale Konstruktionsarbeiter. Nur etwa ein Zehntel arbeitet für die kommerzielle Ressourcenbeschaffung auf dem Mond und in den Asteroiden. Aber diese Leute leben mit einem großen Risiko. Unfälle sind an der Tagesordnung. Nicht alle Unfälle sind tödlich, wie in der Frühzeit. Aber diese Vakuumarbeiter müssen damit rechnen, dass ein Fünftel von ihnen nicht zurückkommt. Entsprechend unbeliebt ist der Job. Er ist hochbezahlt. Die Gehälter spielen im Vergleich zu den sonstigen Kosten keine große Rolle. Entsprechend​ schlecht ist die Moral. Alle wissen, dass der Job russisches Roulette ist. Entweder sie kommen wohlhabend zurück oder eben nicht.

Durch die wachsende Konkurrenz von mehr Unternehmen sinken Ende des 22. Jahrhunderts die Preise für orbitale Rohstoffe. Das macht die Kalkulation schwieriger und die Sicherheitslage noch schlechter. Es wird fast unmöglich, vernünftige und gut ausgebildete Ingenieure für die Asteroiden anzuwerben. Nur Leute, die keine Wahl haben, die hoch verschuldet sind oder, aus welchen Gründen auch immer, untertauchen wollen, melden sich noch freiwillig für diesen Job. Deshalb haben manche Staaten und Unternehmen sogar damit begonnen, Strafgefangene mit langen Freiheitsstrafen anzuwerben.

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