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Pontos Mission: Forschungsexpedition zum neunten Planeten.

Calixtos Kamikatsu an Bord der Gahara Sthaan IX auf dem Rückflug von Pontos, Planet 9, 2390, private Nachricht:

Hallo meine Liebe,

jetzt sind es nur noch 1000 AU bis nach Hause. Ein knappes Jahr. Pontos war der Wahnsinn. Wir sind alle noch ganz geflasht. Optisch war nicht viel los. Tausend astronomische Einheiten von der Sonne entfernt muss man schon sehr genau hinsehen, um etwas zu erkennen. Aber im Infrarot haben wir alles in voller Schönheit gesehen. Drinnen im Sonnensystem gibt es die Gasriesen mit dicken Atmosphären, Wolkenbändern und Stürmen. Hier draußen, so weit von der Sonne entfernt, ist nur Eis. Die ganze Atmosphäre ist gefroren. Pontos ist ein Eisriese.

Aber Pontos ist nicht einfach ein Eisklumpen. Es gibt Gebirge, Schluchten und Geröllfelder, sogar Sandwüsten mit Dünen aus feinen Eiskörnchen, wie Diamantstaub. Alles ist aus Eis, verschiedenes Eis. Wassereis ist bei diesen Temperaturen steinhart. Wassereis spielt hier die Rolle von Stein und Felsen. Es gibt Eis-Vulkane aus denen in der Vergangenheit ein Wasser-Ammoniak-Gemisch als Lava emporgeschleudert wurde.

Pontos hatte offensichtlich auch einmal Plattentektonik, die gewaltige Eisgebirge aufgeschoben hat. In den aktiven Phasen von Pontos gab es sogar Wetter, gewaltiges Wetter. Ammoniak-Regen hat tiefe Canyons aus den Wassereis-Gebirgen ausgewaschen. Der Grand-Canyon kann sich darin verstecken. Das Valles Marineris auch. Und nicht zu vergessen, das Theia-Becken. Ein Krater größer als die Erde. Vor Urzeiten muss da ein marsgroßes Objekt reingekracht sein. Das war sicher ein kataklysmisches Ereignis. Es hat den ganzen Planeten zum Schmelzen gebracht. Danach war der Planet Millionen Jahre lang aktiv. Mit Vulkanismus, Plattentektonik, Wetter, Regen, Flüssen, Meeren. Das war die Zeit in der all das entstanden ist, was wir heute sehen. Von den Gebirgsketten und den Vulkanen bis zu den Wassereis-Sandkörnern an den Stränden der Ammoniak-Meere.

Und dann natürlich die Skulpturen. Wo Eis aus dem Boden austritt, friert es in allen möglichen Formen, mal wie ein erstarrter Wasserfall, mal mit messerscharfen Kanten, Zinnen und Ecken. Es gibt geometrische Kegel, die innen einen Wasserkanal haben und darum herum immer weiter gewachsen sind. Es gibt schlanke Säulen, ganze Felder von Eissäulen, wie von den alten Griechen hingestellt. Und Figuren und Skulpturen, unendlich viele Formen. Manche sind weiß wie Schnee durch feine Luftbläschen. Viele sind durchsichtig, die einen glasklar, andere mit regelmäßigen Mustern. Es gibt die Spires, hunderte Meter hohe Säulen wie aus Glas und kristallblaue Eisvorhänge, aufgespannt zwischen anderen Skulpturen. All das ist jetzt erstarrt. Wie plötzlich eingefroren, mitten in der Bewegung. Aber wunderschön.

Ich mache mich jetzt wieder an die Auswertung. Bis bald. ENDE.

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Calixtos Kamikatsu an Bord der Gahara Sthaan IX, 999 AU von Sol, drei Monate nach der Havarie, private Nachricht:

Hi Schätzchen,

schlechte Nachrichten. Anne bekommt den Antrieb nicht zum Laufen. Sie sagt, wir hatten ziemliches Glück. Wir wussten alle, dass die Sache riskant ist. Aber die Materiedichte hier draußen ist so gering, dass man nicht wirklich damit rechnet was zu treffen. Naja, getroffen haben wir ja auch nicht; eher es uns. Muss ein ordentlicher Asteroid gewesen sein. Bei voller Fahrt reichen schon zwei Millionen Kilometer "Nähe", damit sein Gravitationsfeld unseren Antrieb beschädigt, wenn er unter Last läuft.

Anne sagt, ich zitiere: "auf ganzen 0,2 Tau ist die Fraktalität der Konverter unter 4,8 im Median, soweit Susi das messen kann" Susi ist unsere Engineering-KI. Kauderwelsch. Ich hab's gejeeved. Die Konverterpole sind Fraktale. Sie müssen möglichst fein sein, bis runter auf Nanometer. Ideal wäre ein Wert von 3,0 als fraktale Dimension. Aber das ist nur theoretisch. Man versucht so nahe wie möglich da ranzukommen, also 3 minus ein kleines bisschen, z.B. zehn hoch minus 4,8 bei uns. Ist die Zahl kleiner, dann ist der Abstand zur 3 größer und der Lévy-Effekt bricht zusammen. Da war noch mehr. Was mit virtuellen Teilchen, negativer Energie, Quantenverletzung und so.

Jedenfalls, als wir an dem Asteroiden vorbei sind, hat es diese feinen Verästelungen verzogen. Sie klumpen zusammen. Mit anderen Worten: die Konverterpole sind Matsch. Das können wir hier nicht fixen. Wir haben zwar Fabs für alles was wir als Mechs so brauchen, aber an den Konvertern haben die Bush-Robots von Majumdar Abhiyaantrikk angeblich zwei Jahre rum-assembliert.

Ich melde mich wieder, wenn ich mehr weiß. ENDE.

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Calixtos Kamikatsu an Bord der Gahara Sthaan IX, 999 AU von Sol, 2390, vier Monate nach der Havarie, private Nachricht:

Hallo ihr drei,

die meisten Daten sind jetzt ausgewertet. Der Antrieb geht immer noch nicht. Anscheinend gibt es keine Kapazitäten für eine Rettungsmission. Verständlich, dieser Flug war teuer genug. Und für eine Info-Evakuierung reicht die Bandbreite bei weitem nicht. Wir sitzen hier fest.

Euer Papa wird sich verspäten. Fragt Mama. Ich umarme euch.

Nur für Mama:

Wir müssen hier abschalten. Der Antrieb ist auch verstrahlt. Anne sagt, das passiert oft bei Konverterunfällen. Die Strahlung stört den Reaktor. Wir laufen schon auf Reserve. Jeeves, Susi und die anderen KIs sind schon aus. Auch unsere Mech-Hüllen sind stillgelegt. Nur die HICs (Human Infomorph Cores) laufen noch. Wir sind schon im V-Hab. Wir gehen jetzt in den Winterschlaf. Nur ein Automat für den Annäherungssensor bleibt an. Wir werden nichts merken. Die Zeit vergeht wie im Flug. Für uns. Tut mir leid. Ich küsse dich. ENDE.

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Gahara Sthaan IX, 999 AU von Sol, 2427, Schiffslog:

...T15:33:21.042 Passive Radar: Signal: Quelle: Entfernung 1,3e7 km

...T15:33:22.314 Controller: Sende Kennung via: KomLaser

...T15:33:22.316 Controller: Aktiviere HIC: Kapitän: Rashid Agarwal

...T15:34:59.271 KomLaser: Nachricht empfangen: "Wir haben Euch." ENDE.

2392

Reflexmemetik macht chemische Narkose und Betäubung überflüssig.

Neue Techniken der sog. Reflexmemetik machen chemische Narkose und Betäubung überflüssig (Apathischen Analgesie).

Manche Menschen konnten mit Hilfe von Autosuggestion Schmerz unterdrücken. Schon seit langer Zeit war vermutet worden, dass jeder Mensch Schmerzen bewusst ausschalten und beherrschen kann. Aber nur Einzelne erreichten zufriedenstellende Resultate und auch nur nach längerem Training. Der Mechanismus war damals nicht wissenschaftlich nachvollziehbar. Es gab zwar viele Anleitungen, aber bei jedem Menschen funktionierte Autosuggestion zur Schmerzunterdrückung etwas anders. Jeder musste die Techniken selbst für sich entwickeln.

Mit der Entwicklung der induzierten apathischen Analgesie kann nun tatsächlich jeder Mensch sehr schnell von Schmerzen freigestellt werden und trotzdem bei vollem Bewusstsein bleiben. Apathischen Analgesie beruht auf Techniken aus der Memetik-Forschung (Reflexmemetik). Das menschliche Gehirn kann durch geeignete Signale (optische, akustische und taktile) in einen schmerzunempfindlichen Modus versetzt werden. Die Signalfolge ist individuell verschieden. Sie wird durch Tests und im Verlauf der Behandlung adaptiv ermittelt. Bei operativen Eingriffen ist apathischen Analgesie ebenso zuverlässig, wie chemische Anästhesie.

Die Anwendung solcher reflexmemetischer Manipulation ist in den meisten Gesellschaften gesetzlich geregelt und nur in besonderen Fällen, z.B. zur medizinischen Anwendung, zugelassen. Reflexmemetik kann auch mit schädlicher Wirkung eingesetzt werden. Aber normalerweise sind alle Menschen durch ihre Neuroimplanatate geschützt. Für die apathische Analgesie müssen die Schutzfunktionen natürlich deaktiviert werden.

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