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Die Dimitris Tatsopoulos verläßt das Sonnensystem als erstes Auswandererschiff mit Überlichtantrieb.

Ziel der Reise ist Luhman 16 in 6 1/2 Lichtjahren Entfernung. Der Flug dauert 35 Jahre. Luhman 16 ist ein System von brauen Zwergen mit mehreren Planeten und Monden. Die Auswanderer sind Survivalisten. Sie befürchten, dass die solare Zivilisation dem Untergang geweiht ist, sobald sie sich anderen Zivilisationen öffnet. Die Survivalisten steuern mit Luhman 16 absichtlich ein unattraktives System ohne bewohnbare Planeten an.

Die Besatzung besteht vollständig aus Uploads in Mikromechs in allen möglichen Formen und Funktionen. Die Mechs sind nicht auf bewohnbare Planeten angewiesen. Sie planen mit der mitgebrachten Ausrüstung Bodenschätze von den Monden des Systems zu extrahieren und eine interplanetare Zivilisation aufzubauen. Dafür führen sie Autofabs mit und eine große Bibliothek von Designs.

Die Dimitris Tatsopoulos fliegt effektiv mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit. Der Stand der Technik ist 5-mal schneller als die Reisegeschwindigkeit der Dimitris Tatsopoulos. Aber moderne Antriebe können die theoretisch mögliche Maximalgeschwindigkeit nur für kurze Zeit aufrechterhalten. Bei hoher Geschwindigkeit sind die Antriebe sehr fehleranfällig. Überlichttriebwerke sind komplexe und fragile Maschinen. Sie operieren mit hohen Leistungsdichten an der Grenze des technisch Machbaren im Bereich der Energieversorgung, der Raummodulation und bei der Abstimmung der Gerätegeometrie mit Sub-Nanometer Toleranzen. Fliegt man nicht mit der theoretischen Maximalgeschwindigkeit, sondern deutlich langsamer, dann sind die Antriebe weniger belastet und laufen wesentlich länger.

Der Antrieb der Dimitris Tatsopoulos ist optimiert für die geplante Reisegeschwindigkeit. Überlichtantriebe, die 1/4 der Lichtgeschwindigkeit leisten, wie der der Dimitris Tatsopoulos, gibt es schon seit 25 Jahren. Aber erst jetzt ist die Technik so weit fortgeschritten, dass der Antrieb sehr lang durchgehend laufen kann. Die Besatzung der Dimitris Tatsopoulos hat die Hoffnung, den ÜL-Antrieb über Jahrzehnte funktionsfähig halten zu können. Das Schiff führt große Mengen an Ersatzteilen und Fabinput mit, um den Antrieb bei Bedarf reparieren können.

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Feiern zum 500-jährigen Jubiläum der ersten Mondlandung im Meer der Ruhe.

Die ersten Aktivitäten der Menschen in den Jahrzehnten nach Tranquillity waren geprägt durch einige tief fliegende permanent besetzte Raumstationen und gelegentliche Orbitalflüge, angetrieben durch große und teure chemische Raketen. Viel hat sich seit damals geändert. Inzwischen leben 40 Millionen Menschen dauerhaft im interplanetaren Raum, auf den inneren Planeten und den äußeren Monden. Enge "Konservendosen" sind geräumigen Habitaten gewichen. Laser-Launcher und Linearbeschleuniger bringen Megatonnen Material in den Orbit. Und der orbitale Transfer ist noch viel umfangreicher, denn Erd- und Marsorbit sind sich energetisch – und damit wirtschaftlich – viel näher, als die Planetenoberflächen.

Die interplanetare Wirtschaft floriert. Es gibt zwar Spannungen zwischen den Systemmächten, aber keine größeren militärischen Auseinandersetzungen. Die selbstgewählte Isolation der Erde besteht nun mehr als 100 Jahre. Anfangs war das Embargo der Erde dramatisch für Außenposten, Raumstationen und Habitate. Aber die interplanetare Zivilisation hat sich mit der Situation arrangiert. Der anfängliche Schock ist schon lange überwunden. Das Sonnensystem ist von der Erde unabhängig geworden. Die interplanetare Wirtschaft befindet sich in einer langanhaltenden Wachstumsphase.

Im vorangegangenen Jahrzehnt hat die Menschheit zwei große Sprünge nach vorn gemacht. Mit dem sogenannten Egalitätsflug erreichte ein Raumschiff erstmals die einfache Lichtgeschwindigkeit. Die Entwicklung von Überlichtantrieben macht weiter große Fortschritte. Gerade verließ das erste Auswandererschiff mit Raumkrümmerantrieb das Sonnensystem. Nur 42 Jahre später, ein Zeitraum kürzer als zwischen der sechsten und der siebten Mondlandung, wird das erste interstellare Handelsschiff zu den Sternen aufbrechen.

Nicht nur die Raumfahrt hat sich in den 500 Jahren seit Tranquility grundlegend geändert. Die Menschheit selbst hat sich verändert. Die meisten Menschen haben genetische Optimierungen, Assoziationsbooster, IQ-Upgrades und sogar Savant-Aspekte. Nano-Implantate sorgen für erweiterte Sensorik, Konnektivität und Datenspeicherung, 4-Farben-Sehen und mehrere parallele Denkprozesse. Die biologischen Körper sind 150 Jahre lang gesund und danach gibt es perfekte biomechanische Ersatzteile. Im Zeitalter von Mind-Backups ist der finale Tod eher ungewöhnlich, denn man kann als Mech oder in einer Simulation weiterleben. Mit unzähligen Gen- und Nanomods haben sich Menschen an das Leben im Raum angepasst, darunter ZeroG-Hacks gegen Kalziumschwund, Nanobot-unterstützte Reparatur von Strahlenschäden, opponierende Zehen an den Füßen für ein Leben in der Schwerelosigkeit. Nicht alle Linien sind genetisch kompatibel. Der Genpool divergiert.

Erde und Sonnensystem haben große politische Umwälzungen erlebt. Es gab Kriege, Krisen, und Katastrophen. Es gab vereinte Weltregierungen und politische Fragmentierung. Die Zivilisation ist zusammengebrochen und wurde wiederaufgebaut. Es gab gewaltige Fortschritte in den Wissenschaften deren Auswirkungen auch das tägliche Leben sehr verändert haben. Durch den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels hat sich das Antlitz der Erde gewandelt. Aber die Menschen haben sich arrangiert. Und die Technologie hat dabei geholfen. Große Probleme wurden gelöst. Die Meere werden als Wohnraum genutzt. Energie ist günstig und die Erde hat gerade den Turnaround-Punkt erreicht ab dem sich die Ökologie wieder erholt. Die interplanetare Zivilisation hat ihre eigene Geschichte geschrieben mit Religionen und Ideologien, militärischen Eroberungen und Wirtschaftskonflikten. Machtzentren sind gekommen und gegangen. Nach der Isolation der Erde dominierte der Mond/L4/L5-Bereich, dann die vereinigten Mars Kolonien, später das Ganymed-Direktorat und gerade erleben wir die Blüte des äußeren Systems.

Die nächsten 500 Jahre werden genauso viele Veränderungen bringen. Die Menschen strecken ihre Fühler aus in die interstellare Umgebung. Dort bieten sich viele neue Möglichkeiten und existenzielle Gefahren. Das Solsystem geht durch einige schwere Krisen, interstellare Kriege, Besatzung, Befreiung, Sieg und Niederlage. Es ist selbst Aggressor und Opfer von Eroberung. Das Solsystem wird geeint und fragmentiert wieder. Die Menschen besiedeln andere Sonnensysteme. Manche sind so weit entfernt, dass ihre weitere Geschichte unabhängig vom Solsystem verläuft und sie ihren eigenen Weg unter den anderen Völkern finden müssen. Die Sphäre der Menschen wird multipolar. Andere Zentren entstehen neben dem Solsystem. Und dann wird die neue interstellare Menschheit in die dramatische Entwicklung des lokalen Sektors hineingezogen und muss lernen, dass Stabilität nicht der Normalfall ist.

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Fashion-War der schwebenden Venus Habitate Taibo IV und Nueva Mesilla.

Im sogenannten Fashion-War (auch Retro-Zwischenfall oder 10-Minuten Krieg genannt) kämpfen zwei schwebende Venus Habitate mit militärischen Mitteln. Es gibt überraschend große Verluste: 14.288 temporäre Ausfälle, die durch Backups wiederhergestellt werden, aber auch 1.598 permanente.

Taibo IV, das alte ehemals brasilianische Dom-Habitat, wird von Ciudad Nueva Mesilla einem Moscona-Bubble-Floß angegriffen. Beide Habitate werden dabei schwer beschädigt. Taibo sinkt wegen Vakuumverlust in tiefere Schichten ab und muss aufgegeben werden. Das geht so schnell, dass ein Großteil der biologischen Bevölkerung nicht evakuiert werden kann. Fast alle haben Backups. Aber viele verlieren Monate oder Jahre an Erinnerungen und ihre biologischen Körper. Nueva Mesilla wird Notfall-segmentiert und die Bevölkerung verteilt sich auf die noch tragfähigen Segmente. Ein Drittel des Floßes geht verloren. Es gibt nur geringe Verluste an Leben.

Vordergründig geht es bei diesem Konflikt um die Führung in der Modeindustrie. Mode und Trends sind wichtige Wirtschaftsfaktoren. Das innere System ist sehr reich an Energie und Ressourcen. Freizeit, Unterhaltung und Immersion bestimmen den Alltag. Reputation gewinnt man eher aus diesem Teil des Lebens, als aus klassischen Produktions- und Dienstleistungsberufen. Obwohl sogar im Produktivleben kreative Dienstleistungen und Steuerungsfunktionen dominieren.

Nueva Mesilla ist ein Gründungsmitglied der Zyklisten-AG. Einem Verbund traditionsorientierter Habitate. Zyklisten haben die Rolle der Konservativen übernommen. In den vergangenen fünf Jahrhunderten hat sich gezeigt, dass nichts bleibt wie es ist, dass sich aber Trends immer wieder wiederholen. Entwicklungen in Kunst, Mode, Unterhaltung und Philosophie greifen frühere Trends auf, mischen und modifizieren sie und erzeugen die nächste Welle. Ständiger Wandel ist die Konstante. Klassischer Konservativismus wurde abgelöst durch den Zyklismus, einer dynamisierten Variante konservativen Denkens, die sich mit dem Wandel arrangiert hat und ihn nutzt.

Dem gegenüber lehnen Amadistas wie der Rat von Taibo IV Wirtschaftszyklen, Modetrends und Memwellen ab. Die amadistische Bewegung "Sendero Amado" (nach Cecilia Amado) rekrutiert vor allem junge Leute unter 100 Jahren, die schon viele Wellen gesehen haben ohne dass sich substantiell etwas geändert hätte. Amdistas versuchen die Zyklen zu durchbrechen.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass die technische Entwicklung im 25. Jahrhundert stagniert. Es gibt zwar Fortschritte (z.B. in der Raummodulation), aber der Alltag der Menschen, wie zum Beispiel in wohlhabenden Gemeinschaften der Venus, hat sich seit langer Zeit nicht verändert. Die Generation, die vor 100 Jahren mit der Etablierung der Menschheit im Sonnensystem an wirtschaftliche und politische Macht kam, hat immer noch die Kontrolle. Diese Generation ist über 120 Jahre, oft 150 Jahre alt. Manche leben noch in ihren biologischen Körpern. Viele sind aber inzwischen Uploads und als Androiden oder Mechs unterwegs. Die junge Generation (unter 100) sieht keine Möglichkeit, die Älteren zu verdrängen. Diese sogenannte "überflüssige Generation" ist inzwischen verzweifelt und radikalisiert.

Der Konflikt hat sich seit 50 Jahren zugespitzt. Cecilia Amado war eine der ersten, die versuchte dem Zyklismus mit spektakulären Disruptionen zu begegnen. Letztlich scheiterte sie. Aber seitdem hat die Bewegung viel Zulauf bekommen. In einigen Habitaten konnten Amadistas tatsächlich Zyklisten verdrängen. Meistens durch interne feindliche Übernahmen mittels toxischer Meme, die mit exzessiver psychischer Gewalt einhergingen.

Der aktuelle Konflikt entzündet sich an einer Disruption, die Taibo gegen Nueva Mesilla durchführt. Die Disruption diskreditiert einen neuen Modekomplex (genannt "Retro") den die Zyklisten-AG und federführend Nueva Mesilla mit großem Reputationsaufwand aufgebaut haben. Die Reputation von Nueva Mesilla wird dabei drastisch reduziert. Als die Kurse von Nueva Mesilla zu fallen beginnen, setzen beide Habitate fast zeitgleich militärische Angriffswaffen ein. Aus Sicht von Nueva Mesilla der einzige Weg, um in der aussichtslosen Situation Dominanz zu zeigen. Für Taibo ein begrenzter physischer Schlag gegen einen gefallenen und isolierten Star.

Beide Habitate verwenden nichtnukleare Hyperschallflugkörper als Angriffswaffen. Die Verteidigung besteht jeweils aus einem mehrlagigen Keramik-Pellet Sturm, Hochgeschwindigkeits-Abwehrpods mit Laserbewaffnung und ECM. Die Habitate sind für Hyperschall-Waffen nur zwei Minuten entfernt. Der Austausch läuft weitgehend automatisiert ab. Andere Habitate greifen nicht ein. Nach kurzer Zeit sind die Schäden so groß, dass die Kampfhandlungen eingestellt werden müssen.

Der Austausch ist eine eindrucksvolle Demonstration moderner Kriegsführung.

Der Konflikt zwischen Zyklisten und Amadistas besteht weiter.

Der Retro-Trend endet bevor er begonnen hat.

Das Generationenproblem bleibt.

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