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Multitasking Bewusstsein als Genmodifikation

Eine neue Genmodifikation namens Ikenga erweitert das menschliche Bewusstsein. Menschen können mit Ikenga mehrere parallele Gedankengänge gleichzeitig verfolgen. Man kann sich auf mehr als eine Aufgabe konzentrieren, z.B. ein Gespräch führen und gleichzeitig ein Buch lesen. Der erreichbare Parallelitätsgrad ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei machen sind bis zu sechs parallele Gedankengänge möglich. Die meisten Menschen mit Ikenga können drei Aufgaben gleichzeitig lösen.

Ikenga ermöglicht echtes Multitasking. Dafür werden einige Bereiche des Gehirns durch die Genmodifikationen mehrfach ausgebildet. Das Spektrum der parallelen Fähigkeiten ist nicht vollständig variabel. Bei der Implementierung wählen Eltern, ob das Kind mehrere mathematische, planerische oder emotionale Prozesse ausführen soll. Kombinationen sind möglich. Typisch ist eine Spezialisierung für eine lernende und zwei planerische Aufgaben. Funktionen, die von der Spezifikation der parallelen Implementierung abweichen, sind trotzdem möglich, aber etwas weniger effizient. Unterbewusste Prozesse laufen weiterhin ab. Ikenga schafft auch Verbindungen zwischen dem parallelisierten Neocortex und der unterbewussten Ebene. Alle parallelisierten Prozesse profitieren von Intuition und Assoziation.

Ikenga hat eine lange Entwicklung hinter sich. Erste Anfänge gehen ins 21. Jahrhundert zurück. Praktische Versuche gab es schon im 22. Jahrhundert. Die Fähigkeit war aber sehr lange nicht nebenwirkungsfrei. Es gab fast immer negative Begleiterscheinungen von Persönlichkeitsveränderung bis zu geistiger Instabilität. Echtes Multitasking ohne messbare Ausfälle gibt es erst seit 100 Jahren. Trotzdem war der praktische Nutzen anfangs noch eingeschränkt, weil die Parallelisierung der Verbindung zu anderen Gehirnbereichen unvollständig war. Außerdem gab es vor Ikenga immer einen primären und weitere sekundäre Gedanken. Auch wenn diese echt parallel liefen, waren sie nicht gleichberechtigt. Ikenga ist so ausgereift, dass Intuition, Gedächtnis, Sensorik, Motorik und viele andere Funktionen gleichberechtigt mit den parallelen Gedanken interagieren. Bei Ikenga verzichtet man erstmals auf den originalen, unmodifizierten Primärpfad.

Die Entwicklung war besonders schwierig, weil Multitasking natürlich mit diversen anderen Genmodifikationen am Markt kompatibel sein muss. Man will schließlich nicht auf Assoziationsbooster, Lernoptimierung, schnelle Reifung, Schlafreduktion und vieles andere verzichten, was im 25. Jahrhundert zum Alltag gehört.

Multitaskingfähigkeiten wurden schon vorher für Spezialanwendungen implementiert, aber die Alltagstauglichkeit kommt erst mit der Ikenga-Generation von Multitasking-Genmods. Ikenga kommt zwar als erstes voll ausgereiftes Multitasking-Produkt auf den Markt. Aber an vielen Stellen wird in die gleiche Richtung geforscht. Innerhalb weniger Jahre folgen viele vergleichbare Entwicklungen.

Ikenga wird entwickelt von Mmelite Ewu Labs und vermarktet von Descartes Jiyin. Am Anfang wird Ikenga nur von lizensierten Gensplicern implementiert. Zehn Jahre später ist es aber überall zu haben, wie auch andere vergleichbare Produkte. Descartes Jiyin vermarktet schon früh über mehrere parallele Brands, die verschiedene Zielgruppen ansprechen. Es gibt hochpreisige Marken, die besondere Qualität und Kundenservice versprechen. Im mittleren Segment konkurrieren mehrere Marken von Descartes Jiyin, die alle auf Ikenga basieren, aber auf unterschiedliche Merkmale fokussieren. Für den Massenmarkt gibt es Low-Cost Produkte. Man vermutet, dass die Hälfte aller Multitasking-Genmods von Ikenga abgeleitet ist, entweder als lizensiertes Whitelabel-Produkt oder als Raubkopie.

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Jamaliya Verschwörung.

Eine nukleare 200 kT Explosion zerstört Jamaliya, eine Millionenstadt in Dravida Nadu (Südindien). 800.000 Menschen kommen ums Leben, 3 Millionen sind verletzt, 15 Millionen werden obdachlos. Das Profil der Explosion deutet auf eine Antimaterie-Reaktion hin. Die offizielle Untersuchung vermutet als Ursache einen illegalen Amat-Reaktor in einem Vorort nahe der Ingenieurshochschule von Tiruvathevan. Die wahren Umstände kommen erst 100 Jahre später ans Licht.

Die Antimaterie-Detonation war tatsächlich auf einen illegalen Reaktor zurückzuführen, aber nicht, wie angenommen durch einen technischen Fehler, sondern sie war bewusst ausgelöst worden im Rahmen einer Geheimoperation der Koalition auf der Erde. Die Explosion sollte ein anderes Verbrechen zu vertuschen.

Die Operation "Eryu" (=flüstern) wurde durchgeführt vom Koalitionsnachrichtendienst repräsentiert durch Dianfu Fuwu, die Subversionseinheit des Xinyu Xin Duohui, dem auf die Rückgewinnung der Erde spezialisierten Teil des Geheimdienstes von Xinyu Xin, einer lunaren Mega-Souveränität. Dianfu Fuwu experimentierte in Jamaliya mit einem Memvirus. Dafür wurde ein Designervirus freigesetzt, das bei Infektion Meinungen und Überzeugungen verändern kann. Dianfu Fuwu hatte das Virus im lunaren Orbit entwickelt mit dem Ziel, die irdische Öffentlichkeit für expansionistische Propaganda empfänglicher zu machen. Das Virus überwindet die Blut-Hirn Schranke und manipuliert die neuronale Verarbeitung durch Freisetzung von Hormonen und direkte Aktivierung von Neuronen. Die richtige Auswahl der neuronalen Areale erwies sich als schwierig. Man konnte auf umfangreiche Methoden der viralen Depressionstherapie zurückgreifen, aber die gezielte Manipulation unterbewusster Ideen war eine neue Qualität. Tests während der Entwicklung zeigten eine Erfolgsquote von 30% für eine erfolgreiche Installation einer liberalen, expansionistischen Ideenwelt bei geringen Nebenwirkungen durch Beeinflussung anderer Areale. Das wurde als ausreichend angesehen.

Das Virus sollte sich sehr langsam ohne Krankheitsmerkmale verbreiteten, um die Gesundheitskontrolle zu unterlaufen. Man hatte dabei das rituelle Bad im Ambuli River beim Wasserfest übersehen, bei dem sehr viele Viren ins Wasser gelangten und durch die lokale Wasserversorgung schnell die Bevölkerung einiger Stadtteile infizierten. Gleichzeitig tauchte eine Nebenwirkung auf, die bei einem kleinen Teil der Infizierten Hemmungen und Moral ausschaltete. Jamaliya wurde über Nacht von einer unerklärlichen Gewaltwelle heimgesucht. Die Infektion schien sich außerdem wesentlich schneller direkt zu verbreiten, als man in der sterilen Umgebung im Mondorbit angenommen hatte.

Die Verantwortlichen bei Dianfu Fuwu befürchteten, dass die Gesundheitsbehörden der Union sehr schnell die Ursache der Gewaltwelle entdecken würden und dass die Erde drastisch auf diese massive Verletzung ihrer Souveränität reagieren würde. Sie veranlassten deshalb – ohne Rücksprache mit der Koalition – durch einen lokal operierenden Agenten die Fehlfunktion eines der illegalen Amat-Reaktoren. Die Explosion löscht das südliche Jamaliya aus.

Einzelne verschleppte Infektionen stellen keine Gefahr dar, da die von Mensch zu Mensch bei normalem Kontakt übertragene Virenmenge (meistens) zu gering für eine Infektion ist.

Die Jamaliya Verschwörung wird bekannt durch die Veröffentlichung von mehreren tausend Dokumenten der Operation "Eryu" durch einen Insider bei Dianfu Fuwu. Sie ist ein Beleg für den Umfang der Geheimoperationen der Koalition auf der Erde während der Isolation, ein klarer Verstoß gegen die offizielle Politik und die Vereinbarungen von Quadrupol.

2497

Entsendung eines Forschungsschiffes der ADIC nach Ross 614.

Der Flug dauert vier Jahre. Am Ziel wird eine ständige Forschungsstation eingerichtet und Kontakt mit der dortigen Zivilisation aufgenommen.

ADIC ist die Behörde für Entwicklung und interstellare Beziehungen der Koalition. Sie wurde 15 Jahren zuvor gegründet, um die interstellare Entwicklung der Menschheit strukturiert voranzubringen. Als die scheinbare Geschwindigkeit von Überlichtantrieben den Faktor 3 erreicht, baut die Behörde ein Interstellarschiff, um ihre Außenabteilung nach Dilan zu transportieren. Kelonikoa Pono, die Leiterin der Außenabteilung wird vom Koalitionsrat mit diplomatischen Vollmachten ausgestattet. Sie ist damit die erste interstellare Botschafterin der Menschheit.

Ross 614 ist ein roter Zwerg, ein sogenannter Flare-Stern. Er hat keine bewohnbaren Planeten. Aber es gibt eine technische Zivilisation auf Dilan, einem Planeten von Vesta-Größe ohne eigene Atmosphäre. Im Solsystem würde Dilan als Zwergplanet oder Asteroid gelten. Bei Ross 614 zieht er alleine seine Bahn um die Sonne. Das System hat noch einige andere Zwergplaneten, Planeten der Neptun-Klasse und einen weiteren noch lichtschwächeren roten Zwerg.

Die Zivilisation von Dilan ist sehr fremdartig. Sie ist technisch orientiert. Sonst könnte sie sich auf dem atmosphärenlosen Kleinplaneten nicht behaupten. Der gesamte Asteroid scheint durchdrungen von unzähligen Tunneln und Kammern. Er ist wie ein gigantisches Beehive (Bienenstock)-Habitat. Alle Tunnel werden genutzt. Viele sind mit technischen Anlagen gefüllt. Oft ist der Zweck für Menschen nicht klar. Die meisten Tunnel haben Atmosphäre. Die Bewohner sind überall in großer Zahl.

Die Wesen sind etwa 50 cm groß und bestehen scheinbar nur aus acht Armen und einem Körper/Kopf Segment in der Mitte. Alle Arme entspringen an einer Seite des Körpers. Die Wesen bewegen sich geschickt mit ihren acht Armen durch die Schwerelosigkeit. Sie sind komplett schwarz und haarlos. Alles deutet darauf hin, dass die Wesen einst auf einem Sauerstoffplaneten auf ihren acht Armen gelaufen sind und einige davon als Manipulatoren benutzt haben. Inzwischen haben sie sich weitgehend an die Schwerelosigkeit angepasst.

Menschen können sich fast überall frei bewegen. Die Wesen scheinen sich nicht für die neugierigen Menschen zu interessieren. Bei einigen wenigen Versuchen, Geräte zu entfernen, widersetzen sie sich aber energisch. Manche Wege sind wie zufällig durch eine Wand aus Körpern versperrt. Die Barriere löst sich auf, wenn man sich entfernt, entsteht aber schnell wieder, sobald man näher kommt. Bisher gab es von Menschen keine Versuche Gewalt anzuwenden. Obwohl nur ein kleiner Teil von Dilan erkundet wurde, schätzt man, dass Dilan mehr als 100 Milliarden Individuen beherbergt. Damit wollte man sich lieber nicht anlegen.

Die Zivilisation wirkt sehr statisch. Es gibt Hinweise darauf, dass sie mehr als 50.000 Jahre alt ist. Die Menschen scheinen nicht die ersten Besucher zu sein. Sicher wissen sich diese Wesen auch gegen größere Störungen zu wehren, sonst wären sie nicht schon so lange da. Der Technologielevel ist höher als im Solsystem. Es gibt Anzeichen, dass die Dilan-Zivilisation menschliche Technologie als primitiv betrachtet. Da der ganze Kleinplanet durchtunnelt ist, steht der Dilan-Zivilisation ein gewaltiges nutzbares Volumen zur Verfügung. Welche technischen Ressourcen die Dilan-Wesen wirklich haben, ist nicht abzuschätzen. Die Menschen möchten aber sicher nicht riskieren, es auf unfreundliche Art herauszufinden.

Es ist nicht klar, wie die Zivilisation organisiert ist, ob es Unterorganisationen wie Staaten gibt oder ob alles ein Superstaat ist. Die anonymen Massen von Dilan-Wesen wirken wie ein Ameisenstaat. Aber es gibt keine Anzeichen für eine Königin oder eine herrschende Klasse. Auch die Art der Fortpflanzung ist unbekannt. Junge Dilan-Wesen oder andere Formen wurden nicht entdeckt. Überall sind die gleichen schwarzen 8-armigen Gestalten, die ihren Tätigkeiten nachgehen.

Es gibt nur geringen Flugverkehr im System, vor allem zu den großen Planeten. Man vermutet zur Gasgewinnung. Dilan ist weitgehend autark. Die Zivilisation scheint alles wiederzuverwenden. Trotzdem sind sie an einigen zusätzlichen Rohstoffen interessiert.

Die Beziehungen sind neutral und distanziert. Es gibt so etwas wie Handelsaustausch. Die Forschungsmission hat eine Auswahl von seltenen Erden und Edelmetallen an Bord. Nach einiger Zeit kann man den Wesen von Dilan deutlich machen, dass man gerne einen kleinen Container mit Rohstoffen gegen technische Geräte tauschen würde. Es gelingt den Menschen sogar zu bestimmen, gegen welche technischen Geräte die Rohstoffe getauscht werden sollen. So entsteht ein einfacher Warenaustausch. Allerdings gibt es nicht viel Kommunikation darüber hinaus. Man kommuniziert mit ständig wechselnden Wesen. Fragen nach den anderen Individuen werden anscheinend nicht verstanden. Die Wesen sind zweifelsfrei intelligent, aber es scheint kein Konzept für Individualität zu geben.

Das Schiff der ADIC bleibt drei Monate und fliegt dann zurück. Nach insgesamt neun Jahren erreicht die Expedition wieder unser Sonnensystem.

Ein Jahr später wird eine zweite Mission ausgesandt, um eine ständige Forschungsstation auf Dilan zu errichten. Das Schiff wird so umgerüstet, dass es genügend Material für einen längeren Aufenthalt transportieren kann. Dafür wird die Fähigkeit zum Rückflug aufgegeben. Nach der Ankunft soll das Schiff als dauerhafte Forschungsstation dienen und auf weitere Versorgungsflüge warten.

Kelonikoa Pono und ihre Crew erreichen Dilan nach weiteren vier Jahren Flugzeit und errichten eine ständige Basis auf der Oberfläche von Dilan in der Nähe eines großen Eingangstunnels.

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