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Hyperresistente Bakterien. Hyderabad/Indien.

-- 100 Dinge aus 1000 Jahren --

Eine Palette von Proben aus Abwasserseen der Pharmaproduktion nordöstlich von Hyderabad, Indien.

Es ist der tödlichste Cocktail aggressiver hochresistenter Keime, den es gibt, der sogenannte Doomsday-Cocktail.

Mitte des Jahrhunderts liegt die jährliche Todesrate durch multiresistente Keime bei 10 Millionen. Inzwischen treten aggressive Bakterien auf, die gegen alle Reserve-Antibiotika immun sind. Ein wesentlicher Treiber für diese Entwicklung ist der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Medizin. In vielen Ländern wurden und werden bei kleinen Infektionen hochwirksame Breitband-Antibiotika der neuesten Generation verabreicht. Diese Antibiotika sollten eigentlich in den Pool der selten benutzten Reserven fallen. Aber Pharmafirmen wollen diese Produkte verkaufen, um ihre Investitionen zu finanzieren. Ärzte wollen Krankheiten heilen und die Patienten entscheiden sich im Einzelfall für das bessere, neuere und stärkere Produkt, auch wenn das mittelfristig der gesamten Menschheit Probleme bereitet.

Auch die industrielle Fleischproduktion hat ihren Teil dazu beigetragen. Der standardmäßige Zusatz von Antibiotika zum Futter für Nutztieren wirkt wie ein Trainingslager in dem die Mikroben über viele Jahrzehnte ihre Resistenzen optimieren können.

Aber besonders spektakulär sind die unbeabsichtigten Brutreaktoren der Pharmaindustrie: stehende Gewässer wo Abwasser eingeleitet wird. In Indien und China, wo ein großer Teil der Antibiotika der Welt hergestellt werden, sind die Umweltstandards relativ niedrig. Vielerorts werden Produktionsrückstände ungeklärt in Flüsse und Seen abgelassen. Die meisten Gewässer fließen irgendwann über die Flüsse in die Weltmeere, wo die Stoffe kein Problem darstellen. Aber in einzelnen Regionen kommt es durch meteorologische und geologische Bedingungen immer wieder zu einer hohen Anreicherung von Antibiotika.

Eine solche Region sind die Seen nordöstlich von Hyderabad. Dort gibt es Gewässer, die seit 30 Jahren keinen natürlichen Ablauf mehr haben. Durch den Klimawandel hat die Regenmenge dort abgenommen. Die Pegelstände sind zu niedrig. Das Wasser versickert oder verdunstet. Dadurch reichern sich Antibiotika sehr stark an. In manchen Gebieten schon seit 40 Jahren. Es gibt dort Gewässer mit riesigen Konzentrationen aller möglichen Antibiotika, wie man sie nur im Labor erzeugen kann.

Das wäre weiter nicht schlimm, denn schließlich töten diese Antibiotika-Seen alle Mikroben ab. Dort ist kein Leben möglich. Aber es gibt immer wieder einzelne Mikroben, die durch natürliche Mutation eine Resistenz entwickeln. Diese Mikroben vermehren sich und mutieren weiter. Das ist der bekannte Prozess der Resistenzbildung. Dramatische wird die Entwicklung dadurch, dass die Antibiotika-Konzentration in den letzten 40 Jahren immer weiter gestiegen ist. Das Wasser verdunstet, die Antibiotika bleiben zurück. Neues Abwasser kommt dazu und hinterlässt beim Verdunsten auch wieder Rückstände. Dieses ungewollte langsame Hochfahren der Antibiotika-Belastung über Jahrzehnte war ideal, um Superbakterien zu züchten. Bakterien, die in einer Großstadt oder einem Flughafen ausgesetzt, eine sehr schnelle weltweite Pandemie mit unheilbaren Keimen auslösen würden.

Einige der besonders gefährlichen Seen wurden inzwischen durch Betonglocken abgedeckt, damit die Mikroben nicht durch Tiere, Vögel oder Insekten verbreitet werden. Da die Mittel begrenzt waren, musste man sich auf die schlimmsten Fälle konzentrieren. Die WHO nahm in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden des Telangana Bundesstaats unzählige Wasser und Bodenproben.

Die Proben mit den größten Konzentrationen an Antibiotika und trotzdem darin lebenden gefährlichen Mikroben lagern in einem Hochsicherheitslabor des IEIS (India Epidemic Intelligence Service): der Doomsday-Cocktail.

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Paket Bot. Recife/Brasilien.

-- 100 Dinge aus 1000 Jahren --

Ein Kurzstrecken-Postauslieferungsbot von Electrobras/Brasilien: der Velocista SR703-S/I mit Interaktionsfunktion und Traglast bis 10 kg.

Der Bot ist ca. 1 Meter hoch. Er hat oben eine 30x30 cm große Plattform für die Lieferung, darunter einen kleinen quaderförmigen Körper mit Steuerung, Batterie und drei multifunktionalen Gliederarmen. Seine zwei 80 cm langen Beine enden in den üblichen Sensor/Aktuator-Tripods. Die Gliederarme halten meistens das Paket auf der Plattform. Sie können aber auch Klingeln drücken, per Audio-IO kommunizieren und einfache Handbewegungen machen, z.B. Türklinken drücken und Hindernisse beiseiteschieben.

Einkaufen im Netz ist der Standard. Virtuelle Realität und Immersion machen den Besuch von physischen Einkaufsläden weitgehend überflüssig. Auch regelmäßige Alltagskäufe, wie Lebensmittel werden online abgewickelt. Das hat dazu geführt, dass individuelle Paketsendungen stark zugenommen haben. Im Schnitt bekommt jede Wohnungseinheit 5,3 Lieferungen täglich. Das heißt, in einer Stadt mit nur einer Million Einwohnern gibt es jeden Tag mehrere Millionen Zustellungen, eine Milliarde pro Jahr. Dafür ist eine riesige Logistik notwendig.

Das hohe Volumen erlaubt Optimierungen, die früher nicht möglich waren. Man kann Synergieeffekte nutzten, die den Versand günstiger machen. Jede Straße einer Stadt wird mehrmals täglich angefahren. Aber verteilt auf die Zahl der dabei ausgelieferten Pakete sind diese Kosten gering. Versandkosten werden nur noch in besonderen Fällen separat abgerechnet. Für fast allen Waren ist der Versand inklusive.

Der größte Kostenfaktor sind die letzten 10 Meter. Ein Fahrer, der aus seinem Transporter aussteigt, ein Paket in die Hand nimmt, an der Haustür klingelt, wartet, die Treppe hochläuft und das Paket übergibt, braucht einige Minuten, pro Paket. Das ist nicht bezahlbar. Deshalb wurde die Auslieferung der letzten Meter durch Bots automatisiert.

Heute läuft kein Mensch mehr die Treppe zur Wohnungstür. Das übernehmen die Kurzstrecken-Auslieferungsbots. Ein Pakettransporter fährt vor das Haus (oder eine taktisch günstige Position der Straße, die mehrere Häuser abdeckt), Lieferbots springen heraus, jeder balanciert ein Paket auf seiner Plattform. Die Bots laufen zu den Haustüren, klingeln oder nutzen den Lieferanten-Code der Schließanlage. Dann sprinten sie die Treppen hoch bis zur Wohnungstür. Sie lesen dabei Türschilder, Barcodes und elektromagnetische Signalgeber, um den Weg zu finden. In modernen Wohnanlagen schieben sie ihr Paket durch die Lieferantenklappe. Bei rückständigen Wohnungen interagieren sie audiovisuell mit dem Empfänger der Lieferung oder Vertretern, wie z.B. Nachbarn.

Eine hohe Auslieferungsrate ist ein Qualitätsmerkmal des Versenders. Lieferanten konkurrieren nicht nur über die traditionellen Faktoren, Preis und Bewertung, sondern auch durch ein Zustellungsrating. Die Lieferkette und die Bots versuchen deshalb das Paket zumindest im Haus abzugeben. Auch die Empfänger wollen keine Zustellungsausfälle. Die Lagerung an einer zentralen Stelle nach missglückter Lieferung ist aus der Mode gekommen. Im Zweifelsfall wird ein weiterer Zustellversuch unternommen. Moderne Wohnanlagen haben in jedem Haus ein Einlieferungslager und optische oder elektromagnetische Markierungen. Beim Betreten des Hauses zeigt das Einlieferungslager neue Lieferungen an.

Nachdem die Bots ihre Pakete abgeliefert haben, spurten sie zurück zum Fahrzeug. Dort hängen sie sich an die Stromversorgung und bekommen das Paket für den nächsten Stopp.

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