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Mukhagni-Zwischenfall.

Militär des inneren Systems bombardiert einen sonnennahen Asteroiden und stürzt ihn dann in die Sonne. Offiziell ein Test. Aber viele Beobachter vermuten ein außer Kontrolle geratenes Experiment mit verbotener Technologie.

Bei Mukhagni, einem kleinen Asteroiden innerhalb der Merkurbahn, ereignen sich in kurzer Folge mehrere Antimaterie-Explosionen von jeweils 100 Megatonnen Sprengkraft. Das Ereignis erregt systemweit Aufsehen. Es gibt keine Erklärung von offiziellen Stellen. Zwei Tage später beginnen Kampfeinheiten der Magadha-Sangha-Föderation/Venus aus großer Entfernung Mukhagni zu beschießen. Die Einheiten nähern sich Mukhagni auf Max-Delta-V Kursen aus allen Richtungen und feuern dabei weiter.

Die Nachrichtenagenturen des Solsystems übertragen live. Moderne Großteleskope lösen die Ereignisse bis auf 20 Meter auf, auch über interplanetare Distanzen. Man erkennt deutlich die Auswirkungen des Bombardements auf den Asteroiden, aber keine Gründe für die exzessiven militärischen Maßnahmen.

Einige Tage später entdeckt man Frachter von Venus und Merkur, die zusätzliches Kriegsmaterial in Richtung Mukhagni transportieren. Kommerzielle Massdriver in der Umlaufbahn Merkurs unterstützen das Bombardement. Nach kurzer Zeit wird klar, dass die Massdriver Mukhagni kinetische Energie und Drehimpuls entziehen, um seine Bahn Richtung Sonne zu lenken.

Die Umlaufbahn von Mukhagni wird elliptisch und nähert sich nach mehreren Wochen der Sonne. Bei zehn Millionen km Entfernung von der Sonne werden die militärischen Angriffe eingestellt. Die kinetische Komponente des Bombardements wird durch Massdriver von Venus und Merkur weitergeführt bis die Bahn schließlich die Roche-Grenze unterschreitet und die Fragmente des Asteroiden in die Sonne stürzen.

Die offizielle Erklärung ist eine Gefechtsübung, die eine kinetische Bedrohung (den Asteroiden), bei gleichzeitigem Unterdrückungsfeuer vom Kurs abbringen soll. Ein Test der Magadha-Föderation zum Schutz der Bevölkerung des inneren Systems als Reaktion auf den Umvelinqangi-Vorfall wenige Jahre zuvor. Das erklärt jedoch nicht die initialen Detonationen.

Tatsächlich war Mukhagni eine Forschungseinrichtung von Ratha-Musala (dem Entwicklungsbüro) von Ajatashatru (des interplanetaren Nachrichtendienstes) der Magadha-Sangha (einer Föderation von wohlhabenden Venus Habitaten). Entgegen der offiziellen Darstellung war auf dem Asteroiden ein geheimes Forschungsprojekt außer Kontrolle geraten. Die initialen Amat-Detonationen sollten den Asteroiden sterilisieren und das Problem beseitigen. Das hatte aber nicht den erwarteten Erfolg. Daraufhin sahen die Verantwortlichen keine andere Möglichkeit, als den Asteroiden (unter gewaltigem Aufwand und ständigem Unterdrückungsfeuer) in die Sonne zu stürzen.

Natürlich vermutet man illegale KI-Forschung wie bei der Newplace-Verschwörung 100 Jahre zuvor. Damals konnte die asymptotische Entwicklung einer Gestalt-KI nur durch eine sphärische Welle von Antimaterie-Explosionen unterdrückt werden. Im Fall von Mukhagni hatte Ratha-Musala offensichtlich vorgesorgt und als Notbremse schwere Sprengsätze installiert. Wahrscheinlich eine Lehre aus der Newplace-Erfahrung. Ratha-Musala hatte auch die Weisheit, die Sprengsätze zu zünden. Aber das reichte wohl nicht aus. Was immer sich auf Mukhagni befand oder entwickelte, es war so mächtig, dass es selbst konzentrierten Angriffen von mehreren Großkampfschiffen, deren Lenkwaffen und Angriffsdrohnen widerstehen konnte.

Aber was kann gefährlicher sein, als die Newplace-KI? Die Anzeichen deuten auf eine überlegene Technologie hin. Hatte eine asymptotische KI in kürzester Zeit neue Technologien entwickelt? Oder hatte Ratha-Musala schon so früh Zugang zu extrasolarer Technologie?

Nach einer anderen Theorie experimentierte Ratha-Musala mit Kessler-Viroidae (entdeckt durch Zipi Kessler, 2478) und aktivierte dabei aus Versehen die Disassembler-Gene dieser anorganischen Viren (vgl. Massara-Seuche, 2746). Dann wäre das nukleare Bombardement dazu da gewesen, die vom kinetischen Einschlag ausgeschleuderten Bruchstücke zu sterilisieren. Analysen, die eine Korrelation zwischen kinetischen und nuklearen Feuersequenzen zeigen, weisen in diese Richtung.

Die Tatsache, dass solare Mächte irgendwo im Sonnensystem geheime und manchmal auch verbotene Forschungsprojekte an geächteten Technologien durchführen, ist wenig überraschend. Oft verwenden sie dafür kleine abgelegene Asteroiden, da Asteroiden mehr Deckung vor den allgegenwärtigen Teleskopen bieten als Raumstationen. Im Lauf der Jahrhunderte werden mehrere solcher Aktivitäten aufgedeckt. Meistens durch Zufall, ein Unglück oder mangelnde Sorgfalt der Betreiber. Ein militärisches Sperrgebiet ohne militärische Aktivitäten ist ein deutliches Zeichen für geheime Aktivitäten, wenn auch nicht unbedingt für illegale Projekte oder geächtete Technologien.

Ratha-Musala hatte für seine Forschungseinrichtung einen Vulkanoiden in Sonnennähe gewählt und vorsichtshalber Antimaterie-Sprengsätze installiert. Offensichtlich waren sie sich des Risikos ihrer Forschung bewusst (das spricht eigentlich gegen die Kessler-Viroidae Theorie). Was auch immer der Inhalt der Forschung war, man kann davon ausgehen, dass es sich um interplanetar geächtete Technologie handelte. Jedenfalls wurde selten in der Geschichte des Solsystems einem geheimen Projekt so eine große mediale Aufmerksamkeit zuteil.

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Der erste außerirdische Besuch im Sonnensystem.

Die Menschheit hat das Sonnensystem besiedelt. Viele Millionen leben im Orbit und auf anderen Planeten. Inzwischen gibt es sogar Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit. Und in nur 13 Lichtjahren Entfernung hat man einen Handelsplatz entdeckt, bei dem sich außerirdische Völker treffen. Die ersten Überlicht-Schiffe der Menschheit fliegen dorthin. Der Flug dauert mehrere Monate, weil die Raumkrümmer-Technik noch ganz neu ist.

Ein interstellarer Händler aus dem Volk der Marui, der am Handelsplatz Menschen getroffen hat, beschließt, das Solsystem zu besuchen. Er braucht nur 10 Tage. Aus unserer Sicht hat er ein supermodernes, schnelles Schiff. Er selbst findet es eher klein und alt.

Der Marui kommt aus 60 Grad zur Ekliptik. Saturn ist der nächste Planet. Neptun und Uranus stehen gerade irgendwo auf der anderen Seite des Sonnensystems. Der Marui analysiert während des Anflugs auf den Saturn die Verkehrsmuster und läuft einen der größten Verkehrsknotenpunkte an: das Ibadan-Habitat im Orbit von Titan.

Der Händler kontaktiert die Ibadan-Flugleitzentrale. Er spricht mit automatischem Übersetzer und erkundigt sich nach den Andockprozeduren und lokalen Gepflogenheiten. Die Flugleitzentrale weist dem Schiff eine Andockröhre zu, als ob extrasolare Schiffe alltäglich wären.

Der Flugverkehr im äußeren System abseits der Ekliptik ist nicht geregelt. Ab und zu kommen Fernraumschiffe herein. Aber der interstellare Verkehr ist noch vernachlässigbar gegenüber dem lokalen Verkehrsaufkommen. Der Marui wirkt wie einer der wenigen solaren Fernhändler.

In der Mitte des dritten Jahrtausends ist Kommunikation mit dem Live-Übersetzer allgegenwärtig. Es gibt viele Sprachen im Sonnensystem, und üblicherweise laufen die Kontakte in der Sprache der Flugleitzentrale, in diesem Fall: titan-nigerianisches Hata.

Der Marui dockt an die flexible Andockröhre, wartet wie angewiesen auf das Freigabesignal und öffnet die Luftschleuse. So steht also eine Gruppe von fünf Marui im leichten Schutzanzug im Dock von Ibadan und klopft an die Crystoplast-Scheibe des Dockmeisters.

Der Dockmeister vom Dienst wundert sich über die Schutzanzüge und über das Aussehen der Besucher. Aber ein erfahrener Dockmeister des 26. Jahrhunderts hat schon viel fragwürdiges Gen-Engineering gesehen. Zwischen all den Uplifts, Bio-Mods und Mech-Shells wirken die Marui fast normal. Immerhin laufen sie auf zwei Beinen, was man nicht von allen Null-G-Genhacks der Menschen behaupten kann.

Es schließt sich ein – wieder vom Autoübersetzer vermitteltes – Gespräch an. Dabei wird dem Dockmeister langsam klar, dass die Besucher fremder sind, als angenommen. Dann bricht hektische Aktivität los: Der Dockmeister hetzt zurück hinter seinen Crystoplast und alarmiert die Leitzentrale (3 Sekunden), die Bereitschaftstruppe der Einwanderungsbehörde (10 Sekunden) und seine Schwester bei Kronos-News (25 Sekunden).

Nach 50 Sekunden sind die fünf Marui umringt von Kameradrohnen und Polizeibots. Bei 55 Sekunden flickert ein Live-Reporter-Avatar in die Gruppe der Marui hinein. Nach 60 Sekunden erscheinen die ersten Flash-Posts im Netz. Nach 78 Sekunden geht Kronos-News auf Sendung. Nach 85 Sekunden ist ein Relay-Copter von Kronos-News zur Stelle und übernimmt den Live-3D-Feed. Nach 90 Sekunden hat eine mobile Einsatzgruppe im Exoskelett-Kampfanzug die Besucher im Visier. Nach 92 Sekunden machen mobile Absperrungen den Bereich um die Marui-Gruppe dicht. Nach 95 Sekunden versuchen Störsender den Live-Feed zu unterbinden, was nicht funktioniert, da der Relay-Copter rechtzeitig zur Stelle war und von innerhalb der Absperrung sendet.

Die ersten Schaulustigen flickern nach 98 Sekunden als Avatare dazu. Uploads in Mechs sind nach 105 Sekunden die ersten physischen Schaulustigen, die die Szene erreichen. Bios sind nur wenig langsamer.

Nach zwei Minuten ist das Dock voll mit 25 umherschwirrenden Sensordrohnen von 10 Nachrichtendiensten, 15 Polizeibots mit Crowd-Control Ausstattung, sieben militärischen Drohnen, einer fliegenden taktischen Koordinator-KI, 12 mobilen Sperrbots mit transparenten Schilden, 800 Mechs, 120 Bios (davon die vier in Kampfausrüstung, die inzwischen kein freies Schussfeld mehr haben) und 5000 Avataren in allen möglichen Größen und Gestalten, die aber keinen physischen Platz beanspruchen.

Im inneren Kreis tritt eine angespannte Ruhe ein, nur unterbrochen durch die etwas aufdringlichen Versuche des Reporter-Avatars, die Marui zu interviewen.

Weitere eineinhalb Minuten später bahnt sich die Leiterin der zivilen Flugsicherung, Esmeralda Alvarez Velasquez, ihren Weg durch die Menge. Das gelingt schließlich. Sie erreicht den inneren Kreis, wo die fünf Marui etwas zusammengerückt sind.

Ziemlich genau vier Minuten nachdem der Dockmeister die Bedeutung des Augenblicks erkannte, werden die ersten extrasolaren Besucher offiziell begrüßt, live ausgestrahlt durch Kronos-News. Die lichtschnelle Nachrichtenfront umfasst inzwischen das gesamte Saturnsystem mit allen seinen Monden. Der Kronos-Feed wird von anderen Nachrichtenagenturen automatisch angereichert mit Live-Eindrücken vom Spot, Hintergrundinfos und Kommentaren. Das Exa-Level Prioritäts-Tag wird von fast allen Reputationsnetzwerken autorisiert und durchschlägt damit alle Nachrichtenfilter.

Die meisten der zehn Millionen Bewohner im Saturn-System unterbrechen ihre Tätigkeiten, werden geweckt oder gebootet. Sie erleben den ersten Besuch live über ihre Retinadisplays, Implantate und Datenschnittstellen, als ob sie vor Ort wären.

Velasquez sagt in der Stationssprache Hata: "Maraba da rana. Kada ka damu." – Das heißt: "Willkommen im Sonnensystem. Kein Grund zur Sorge". Die Redewendung "Kadakadamu" – "Kein Grund zur Sorge" wird über alle Sprachgrenzen hinweg zum geflügelten Wort und Velasquez zum Star der Talkshows.

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