Sozialismus und Expansionismus ($$Daten nicht angepasst)
"Sozialismus - Expansionismus und ihre Bedeutung für die interstellare Karriere der Menschen", 2899 veröffentlicht von Henri Orellier, Professor für neuere Geschichte an der imperialen Universität von Duna/Valerius.
Unglücklicherweise traten in den 30-er Jahren des 21. Jahrhunderts ethnische und rassische Konflikte in den Vordergrund der internationalen Politik. Der Gegensatz zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten verschwand nach dem Ende der SU fast völlig. Damit hatte die Erde endlich eine Chance auf eine friedliche Weiterentwicklung. Die gefährliche Situation des Atomfriedens war überwunden. Innerhalb der Einzelstaaten gab es natürlich weiterhin alle Parteien durch das ganze Spektrum der Weltanschauungen von den Sinokommunisten bis hin zu den Verfechtern des uneingeschränkten Kapitalismus.
Schon in den Anfangsjahren der 2. Asiatischen Union traten die ersten Vorläufer des Expansionismus als neue politische Kraft auf. Die Kosmokraten unterstützten in den AU bis 2099 die Friedenspartei Son Lees, verließen dann die Koalitionsregierung, weil sie im Gegensatz zur Friedenspartei strikt gegen eine starke Weltregierung waren. Die kosmokratische Bewegung löste sich wieder auf.
Nach dem aufsehenerregenden expansionistischen Manifest von Chicago an dem auch mehrere asiatische Kosmokraten der ersten Stunde mitgearbeitet hatten, konnten die Expansionisten 2115 in Amerika einen beachtlichen Stimmenanteil erringen. Durch die starke Förderung des fortschrittsgläubigen amerikanischen Industriebundes stieg der Einfluss der Expansionspartei gewaltig an. Dieser klassische Expansionismus sah die Zukunft der Menschen im Weltraum und zwar noch beschränkt auf das Sol-System, denn überlichtschnelle Raumfahrt war noch völlig utopisch. Im Chicagoer manifest waren einige fundierte Analysen veröffentlicht worden, die zu dem Schluss kamen, dass ein langfristiger Erhalt der Zivilisation auf der Erde nur durch Besiedlung des Sonnensystems möglich wäre. In neuerer Zeit wurden diese Folgerungen durch Geschichtsforschungen bei anderen Rassen bestätigt. Aus diesem Grund standen im Programm der Expansionisten die Terraformung der Venus, Bau von Raumkolonien, die Nutzung der Planetoiden und viele andere kostspielige Unternehmen. Die Durchführung des Programms ab 2117 kam natürlich vor allem großen Unternehmen zugute. Nach 15 Jahren war ein Ende nicht abzusehen, im Gegenteil, der erste Versuch zur Terraformung der Venus hatte gerade begonnen und verschlang gewaltige Summen. Als 2133 der Bau der Raumkolonien beschlossen wurde, rang sich der Weltkongress der Sozialdemokraten und Sozialisten 2134 endlich zu einer einheitlichen Strategie gegenüber dem Expansionismus durch, nämlich zu einer kategorischen Ablehnung. Es setzte sich die Ansicht durch, dass die Menschen erst auf der Erde ihre Probleme bewältigen müssten, bevor sie sich im Sonnensystem verstreuten oder gar zu den Sternen strebten. Auf der Erde wollte man eine gerechtere Verteilung der Arbeit, einen überall gleich hohen Lebensstandard und eine auf Recycling und Umweltschutz basierende homogene Zivilisation. Sollten die Menschen jedoch die Erde verlassen und sich in viele kleine ethnische und soziale Gruppen aufspalten, dann wäre dieses Ziel nie mehr zu erreichen.
Auf dem Kongress 2134 begann die jahrhundertlange Feindschaft zwischen dem neuen Sozialismus (Neosozialismus) und dem Expansionismus. Der Konflikt spielte sich anfangs noch fast unbeachtet ab. Die Welt wurde noch in Atem gehalten vom Gegensatz zwischen Amerika und Australien und - im Jahr 2144 - vom Ultimatum Cartneys an die Regierungen-. Außerdem hielten sich die Neosozialisten noch zurück, da sie hofften, Cartney und die neue Weltregierung würden wie alle Finalisten traditionell auf ihrer Seite stehen. Doch als Präsident förderte Cartney die expansionistischen Programme der Raumfahrtbehörde sogar. Nach Cartneys Tod im Wahlkampf 2151 entbrannte ein heftiger Kampf zwischen Neosozialisten und Expansionisten. Zum ersten Mal gab es auch Anschläge radikaler Neosozialisten auf Raumfahrtunternehmen. Die vielen anderen politischen Parteien wurden in diesem Wahlkampf immer weniger beachtet und später sogar von den großen Kontrahenten absorbiert. Reformierter Sozialismus und Expansionismus waren zu den beherrschenden und konkurrierenden Weltanschauungen geworden.
Haruki Uemura, der Kandidat der Expansionisten gewann die Präsidentschaftswahlen, was kennzeichnend war für den Optimismus mit dem die Menschheit ins neue Jahrhundert eintrat. Unter Uemura und seinem Nachfolger wurde Cartneys Weltraumpolitik konsequent weiterverfolgt. Das begann 2150 mit der Entsendung von Planetoidenscouts und einer Verstärkung der Forschungsstationen auf dem Mars. Andererseits war diese Zeit eher durch einen gemäßigten Expansionismus geprägt, denn auch die expansionistischen Regierungen wollten die Kontrolle über die Erschließung des Sonnensystems behalten. Deshalb waren anfangs keine privaten Unternehmungen jenseits der Mondbahn erlaubt. Um dieses Gesetz auch durchzusetzen wurde schon im Jahr 2158 die Raumpatrouille gegründet.
Als um 2180 ein wirtschaftlicher Aufschwung die ganze Erde erfasste, konnte nicht einmal die Aufgabe des teuren Venusprogramms die Menschen gegen die Raumfahrt einnehmen. Im Gegenteil, die Teilwahlen zum Weltrat in Südamerika und Europa 2185 wurden zu einem großen Sieg der Expansionisten. Mit jedem Jahr verloren die Neosozialisten an Boden gegenüber der Expansionspartei. Ihre Opposition verlagerte sich immer mehr in außerparlamentarische extremistischere Kreise. 2190 schlossen sich noch einmal Sozialisten, Nationalisten und andere Splittergruppen zusammen, um die Nichtantastung der außerirdischen Mondstation durchzusetzen. Durch die Entdeckung der fremden Mondstation wurde der Konflikt gefährlich angeheizt. Es kam zu in den folgenden Jahren zu schweren Ausschreitungen und Bombenanschlägen. Diese Anschläge auf Raumfahrtunternehmungen und verschiedene andere Skandale waren eine schlechte Werbung für die Neosozialisten des Weltrats. Für mehr als ein halbes Jahrhundert sank der parlamentarische Sozialismus zur Bedeutungslosigkeit herab. Andere Probleme beschäftigten die Menschheit. Der Expansionismus war zwar offiziell anerkannt und bei fast allen erwünscht, aber seine Ausführung war umstritten. Die Nationalisten feierten große Erfolge, was viele andere mit Unbehagen sahen. Die Einzelstaaten entwickelten ein neues Selbstbewusstsein und die im Sonnensystem verteilten Menschen kämpften um ihre politische Unabhängigkeit von der Erde. Im Weltrat gab es vor allem Auseinandersetzungen innerhalb des Expansionismus zwischen Fundamentalisten, Gemäßigten und Sozialexpansionisten, während die Nationalisten, die auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Planetoidenbasen unterstützten, auf Kosten der Finalisten immer mehr an Einfluss gewannen. Schließlich setzte sich etwa um 2197 eine Fraktion von gemäßigten Expansionisten und Nationalisten durch. 2199 wurde das Verbot privater Raumfahrtunternehmen aufgehoben, was einen ungeheuren Boom in der raumfahrtindustrie zur Folge hatte. Es begann eine Blütezeit der Weltraumgesellschaften, deren größter Vertreter die SPATRAC war. Diese Zeit bis 2250 ist als der klassische Expansionismus bekannt.
Ein Höhepunkt des neuen Selbstwertgefühls war 2203 der Austritt Nordamerikas aus dem Weltrat. Ein weiterer die Gründung der Palladischen Liga, einem Zusammenschluss von unabhängigen Mond- und Planetoidenstationen. Der ungehemmte private Expansionismus trieb auch weniger schöne Blüten. Im Jahr 2223 verweigerten Schiffe einer privaten Gesellschaft einem Patrouillenschiff die Landung auf Pluto und ab 2233 nahmen Piratenüberfälle so überhand, dass die Raumpatrouille machtlos war.
Mit dem Ende des Wirtschaftsbooms endete auch die uneingeschränkte Herrschaft der Expansionspartei im Weltrat. Die Neosozialisten erstarkten wieder und wurden durch die Wahlen 2260-63 zu einem ernstzunehmenden Gegner. Gemäßigte Sozialisten und Expansionisten setzten 2275 die Gründung der United Planets durch, um die unabhängigen Raumbasen besser in den Griff zu bekommen. Bald wurde die UPO jedoch von den unabhängigen unter der Führung der Palladischen Liga und des Bund von Tara beherrscht. Auf der Erde wandte man sich aber mehr internen Problemen zu. Die Neosozialisten gingen vor allem in Opposition zu den Nationalisten und der Mittelmeerkrieg gab ihnen Recht und führte ihnen unzählige Wähler zu. Mit der Wahl Asiens zum Weltrat errangen die Neosozialisten 2282 die absolute Mehrheit.
Unter der neuen Vorsitzenden Lea Perres besannen sich die Neosozialisten wieder ihr ursprüngliches Programm, nämlich den Antiexpansionismus. Die Wähler stärkten die Neosozialisten in ihrer Rolle als Finalisten und Antinationalisten. Die Neosozialistische Regierung schlug dann aber einen von den Wählern nicht gewollten Antiexpansionistischen Kurs ein. Die Erde trat aus der UPO aus und stellte alle Lieferungen ein. Die Raumhäfen wurden geschlossen. Es begann die 170-jährige Isolation der Erde. Die Ausschreitungen von 2293 waren der Weltregierung ein willkommener Anlass, die Expansionistenbewegung per Gesetz einzuschränken. Die Raumstationen waren damals schon unabhängig und groß genug, um weiterzuleben. In ihnen blühte naturgemäß der Expansionismus, ab 2420 auch der interstellare. Die wohl unvermeidlich e Auseinandersetzung zwischen der expansionistischen Koalition als Nachfolger der UPO und der neosozialistischen Mutterwelt kam Mitte des 25. Jahrhunderts. Den Systemkrieg gewann die Koalition. Aus seiner Fortsetzung, dem Einigungskrieg musste sie sich aber heraushalten. Die Koalition konnte nur durch Lieferung modernster Waffen und Aufklärung den Ausgang beeinflussen.
Etwa um 2468 setzten sich überall auf der Erde die expansionistischen Bewegungen durch. Das Konzil von Kalkutta trat 2470 zum ersten Mal zusammen. Im Jahr 2477 verteilte man die Sitze im Konzil nach Bevölkerungszahl der Bundesstaaten. Dadurch waren die Raumstädte natürlich kaum vertreten. Zwar waren auch die Vertreter der irdischen Saaten fast ausnahmslos Expansionisten, aber Expansionismus bedeutete eben auf der Erde und in der alten Koalition nicht das gleiche. Was auf der Erde als reiner Expansionismus betrachtet wurde, galt für die Politiker der alten Koalition schon als linker Sozialexpansionismus. Auf der anderen Seite kamen sich die 80 im Grunde expansionistisch eingestellten Vertreter der Erde im rat der Koalition verloren vor zwischen über 200 - ihrer Meinung nach - hemmungslosen Kapitalisten und Polyexpansionisten der alten Koalition. In der Koalitionsverfassung 2478 wurde dann dem von der Erde beherrschten Konzil die primäre gesetzgebende macht zugesprochen. Dies hatte große Auswirkungen auf die folgende Ausbreitung der Menschen über die Sterne.
Schon im Jahr 2482 verabschiedete das Konzil unter großem Protest der Vertreter aus der alten Koalition die Siedlungsgesetzte. Diese Gesetze hätte auf unabsehbare Zeit einen übermächtigen Einfluss der Erde auf die Kolonien bedeutet, wären sie strenger angewendet worden. Trotzdem behinderten die Gesetze die Ausbreitung sehr indem sie den jungen Kolonien schwere Pflichten auferlegten. 2517 errang die neosoziale Fraktion im Konzil einen weiteren Sieg mit der Verabschiedung des Protektionsgesetzes. Daraufhin verließen die Mercato-Händler unseren Raumsektor und stachelten - wie man später erfuhr - die Kelreci von Miro zu einem Überfall auf die Erde auf. Die Menschen wurden so in ihren ersten interstellaren Konflikt hineingezogen. Sie hatten ihn selbst herausgefordert.
Die Koalition ging dank der großzügigen Hilfe anderer Völker, allen voran Kisors und Interias, als Sieger hervor, doch sie bleib nicht unbeschadet. Mit den Rüstungsanstrengungen während der Belagerung hatte ein Konzentrationsprozess eingesetzt, der nicht mehr aufzuhalten war. Die Regierung hatte Machtmittel in die Hand bekommen, um die Industrie zu kontrollieren und gab nicht mehr alles zurück. Die wissenschaftlichen Gesellschaften, die kommerziell die Erforschung der Kolonialplaneten vorantrieben, gerieten unter den Einfluss des Staates. Führungsleute der Gesellschaften bekamen Posten in der Regierung während Sozialprogramme die Stimmen der Wähler für die sozialistische Mehrheit sicherten.
Diese Entwicklung begann jedoch erst langsam. Nach dem Kelrec-Krieg riss ein wirtschaftlicher Aufschwung die Erde und ihre Kolonien mit und während sich die Macht im Zentrum der menschlichen Sphäre konzentrierte, stießen freie Handelsschiffe weiter, denn je zu den Sternen vor. Es gab unabhängige Kauffarteischiffe, die tausend Lichtjahre von der Erde entfernt zwischen fremden, im irdischen Sektor unbekannten Rassen handelten. Die Auswanderungswelle nahm gewaltig zu und die Technik machte auch nach dem Sprung der vierziger Jahre weiter gute Fortschritte. ´jedes Jahr wurde ein neues Naturgesetz entdeckt, eine Krankheit geheilt oder ein riesiges Vermögen gemacht und ständig floss ein Strom von Wissen und außerirdischen Einflüssen zur Erde und band die Menschen in die interstellare Gesellschaft ein.
Naturgemäß beherrschte der Expansionismus die öffentliche Meinung der äußeren Kolonien und die der unabhängigen Handelsgesellschaften. Auf der Erde war jedoch der Sozialismus die tonangebende Macht und durch den Einfluss der wissenschaftlichen Gesellschaften wurde er es auch in den näheren Kolonien. Die Macht der Koalition nahm zu und schon bald genügte das Sol-System nicht mehr. Bereits am Beispiel Miros hatte man gesehen, wie einträglich die Herrschaft über einen anderen Planeten sein konnte.
Vor dem Krieg hatte die Koalition, bis auf eine Ausnahme, nie zugunsten von Siedlern eingegriffen. Dies änderte sich jedoch etwa um das Jahr 2560. Ausgelöst wurde dieser Wandel durch das brutale Vorgehen des von Raubtieren abstammenden Kangri-Volkes auf Alway. Da es aber auch auf anderen Planeten Probleme mit den Ureinwohnern gab, waren weitere Probleme schon vorprogrammiert. So geschah es dann auch z.B. auf Khedron und Sapio. Die Koalition gewann mehr Einfluss auf die Kolonien, denn ein Teil von ihnen kam bald nicht mehr ohne Schutztruppen aus. Dieser Einfluss weitete sich noch mehr aus, als die Kisor-Zwillinge der menschlichen Expansion entgegentraten. Anfangs hatte niemand in Kisor eine Gefahr gesehen. Damals hatte sich die Menschheit auch friedlich über die Sterne ausgebreitet und die Kisor-Zwillinge hatten nur aus der Entfernung beobachtet. Als die Koalition dann aber andere Völker unterjochte und deren Planeten besetzte, trat Kisor den Menschen entgegen, denn das Zweiplanetenreich fühlte sich als Mittelpunkt und Beschützer des Sektors. Die Krise zwischen der Koalition und Kisor spitzte sich zu und führte, wie jeder weiß Mitte der 80-er Jahre des vorletzten Jahrhunderts zum ersten Krieg gegen Kisor. Wie der Neosozialismus schon vorher die Expansion der Menschen erst verhindert, dann immer wieder behindert hatte, so führte er die Erde in einen verlustreichen Krieg, der alle zivilen Aktivitäten für Jahrzehnte zum Erliegen brachte. Die inneren Kolonien wurden stark in Mitleidenschaft gezogen, wovon sie sich bis auf Cobol, lange Zeit nicht erholten.
Die äußeren Kolonien wurden dagegen fast nicht beeinflusst und die unabhängigen Gesellschaften, die dort ihre Basen hatten, entwickelten sich nach dem Krieg zu den großen Handelsgesellschaften, die sogar zu einer ernsthaften Konkurrenz für Kisors Gilden wurden. Nach dem Kisorkrieg trat in der irdischen Politik der Gegensatz zwischen Neosozialismus und Expansionismus in den Hintergrund. Klassischer Neosozialismus war sowieso schon lange nicht mehr durchzusetzen. Die Verbindung aus Neosozialismus und kontrollierendem Expansionismus schon seit 2500 von der ursprünglichen antiexpansionistischen Linie abgewichen und zu einem protektionistischen, imperialistischen Sozialexpansionismus geworden. Er hatte die Ausbreitung der Menschen nur hemmen, aber nicht verhindern können. Später, als die Menschen auf vielen Planeten lebten und in die interstellare Gesellschaft eingebunden waren, waren Neosozialismus und Expansionismus nicht mehr zeitgemäß und gaben deshalb ihre beherrschende Stellung ab. Andere Probleme, wie der Gegensatz zu Kisor oder das Neobarbarentum traten in den Vordergrund der Tagespolitik.
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Aus dem ersten Kapitel, einem Überblick über die Geschichte.
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